Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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WILH. SCHMID, BLICK AUS DEM FENSTER

AUSGESTELLT IN DER GALERIE NICOLAI, BERLIN

Das Barockmuseum im Unteren Belvedere. Mit
190 Bildtafeln. Kunstverlag Anton Schroll & Co., Wien.

Dieses Buch ist der Führer durch das neue Barock-
museum, worüber Hans Tietze hier neulich berichtet hat.
Es ist ein reich illustrierter Katalog des gesamten Bestan-
des. Der Schöpfer des Museums, F. M. Haberditzl, zeich-
net verantwortlich dafür. Zuerst wird das Haus beschrie-
ben, der schöne Bau Lukas Hildebrandts, der für Prinz Eugen
als Sommeraufenthalt errichtet wurde; dann folgt eine Be-
schreibung der einzelnen Kunstwerke mit aller Genauigkeit
und Lebendigkeit, die man erwarten darf. Die Abbildungs-
tafeln sind ausgezeichnet und geben eine vortreffliche An-
schauung. Wenigstens dem, der das Museum kennt. Wer
es nicht kennt, wird aus dem Buch schwerlich ersehen —
kein Buch könnte es veranschaulichen —, daß die Haupt-
wirkung nicht von den aufgestellten Kunstwerken ausgeht,
sondern von dem prachtvollen Haus. Wären Möbel vor-
handen gewesen — die Einrichtung ist von den Erben
Prinz Eugens verschleudert worden —, so hätte hier eines
der schönsten Schloßmuseen im deutschen Sprachgebiet ent-
stehen können. Die aufgestellten Kunstgegenstände wirken
ein wenig deplaciert, um so mehr als die österreichische
Kunst nicht eben reich ist an Einzelwerken des Barock von
höchster Geltung. Das Genie des österreichischen Barock
wird in den Kirchen und Palastbauten sichtbar. Auch das

Untere Belvedere ist solch ein Gesamtkunstwerk, es ist aus
dem Genie einer Zeit, eines Volkes, als Schöpfung von Kunst
und Handwerk in ihrer höchsten Vereinigung hervorgegangen.
Niemand war imstande, sich die Wirkung dieses schönen
Ganzen vorzustellen, als noch an Schauwänden die Bilder
der Modernen Galerie in diesen Räumen hingen. Damals
störte die Barockarchitektur und -maierei die modernen Bil-
der, und die Bilder widersprachen der Barockdekoration.
Die Barockkunstwerke stören nicht, da sie mit viel Takt auf-
gestellt worden sind; man kann sich der Räume jetzt rein
erfreuen und sich damit in eine Zeit einfühlen, in der Archi-
tektur, Plastik und Malerei noch im festen Verein wirkten,
die noch imstande war, ungezwungen alle Raumkünste
demselben Zweck dienstbar zu machen. Wir bilden einige
Interieurblicke ab, um von fern wenigstens zu zeigen, wie
der Bildhauer die Arbeit des Baumeisters aufgenommen und
weitergeführt, wie der Maler den Baumeister und Bildhauer
ergänzt hat, und wie das Ganze doch einer einzigen unge-
teilten Vorstellung entsprossen zu sein scheint. Die Fest-
lichkeit und Freudigkeit dieser Kunst ist zwar über alle Be-
griffe; doch ermöglicht das gut gemachte Buch immerhin
auch denen, die nicht nach Wien fahren können, sich eine
entfernte Vorstellung wenigstens davon zu machen, was die
Pietät der Urenkel unserer Zeit hier gerettet hat.

Karl Scheffler.

ZWEIUNDZWANZIGSTER JAHRGANG, ACHTES HEFT. REDAKTIONSSCHLUSS AM 20. APRIL, AUSGABE AM 1. MAI NEUN-
ZEHNHUNDERTVIERUNDZWANZIG. REDAKTION: KARL SCHEFFLER, BERLIN; VERLAG VON BRUNO CASSIRER, BERLIN
GEDRUCKT IN DER OFFIZIN VON FR. RICHTER, G.M.B.H., LEIPZIG
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