Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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absieht, was Slevogt in den letzten Tagen selbst
gemalt hat, im wesentlichen in der Hand seines
Meisterschülers Karl Dannemann gelegen. Die plasti-
schen Arbeiten hat der Dresdener Bildhauer Kreß
modelliert. Beide haben vortreffliches geleistet.
Dannemann vor allem hat sich in die Absichten
seines Lehrers vollkommen eingefühlt. Dadurch ist
es möglich geworden, von den Dekorationen das
gleichgültig Handwerksmäßige fernzuhalten und
ihnen das Persönliche, sogar das Persönliche der
Handschrift zu wahren. Man glaubt eine Reihe
von Aquarellen Slevogts zu sehen, die im Rampen-
licht Leben gewinnen. Es scheint, als ob Karl
Dannemann eine besonders glückliche Hand und
eine angeborene Begabung für die Theaterdekora-
tion hat. Es wäre ein Glück, wenn es sich er-
weist, daß es so ist, wenn hier ein neuer Bühnen-
maler heranwüchse, der sich ganz oder doch zum
großen Teil dem Theater widmete, nicht nur neben-
bei wie Slevogt und Walser, und der — wenn ihm
Gelegenheit gegeben würde — daranginge, die
programmatischen Inszenierungskünste, die tote
Stilisiererei zu überwinden und die Bühnendeko-
ration der lebendigen Illusion zurückzugeben.

Ein Kompromiß ist jede Bühnendekoration. Zu
viele Köpfe und Hände sind daran beteiligt, als
daß es anders sein könnte. Auch in Dresden war
manches Kompromiß. Die musikalische Auffassung
deckte sich nicht durchaus mit der des Malers.
Es gab Mißverständnisse, wie es die Kritiken hinter-
her bewiesen haben, Mißverständnisse, die zum
größten Teil darauf zurückzuführen sind, daß wir
kaum noch einen Kunstschriftsteller haben, der das
Ganze einer Oper: Musik, Dichtung, Gesang, In-
szenierung, Dekorationen und Orchesterspiel in-
tuitiv als ein Ganzes, auch zu beurteilen wagt.
Mit Arbeitsteilung ist bei der Beurteilung einer
Aufführung, wie die Don Giovanni-Premiere in
Dresden, nichts getan. Das Publikum ist darin
naiver. Es hält und hielt sich in Dresden für
kompetent, das Ganze zu beurteilen; es dankte
nicht nur dem Kapellmeister, dem Intendanten
und den Sängern mit starkem Beifall, sondern
auch Slevogt und seinen Helfern. Es hatte Recht.
Denn Slevogts Dekorationen werden in einer stillen,
aber unwiderstehlichen Art Schule machen. Sie wer-
den vielleicht sogar den musikalischen Stil zukünfti-
ger Don Giovanni-Aufführungen mitbestimmen.

MAX SLEVOGT, ENTWURF ZUR BÜHNENDEKORATION DES DON GIOVANNI
DETAIL ZUM FESTSAAL

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