Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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Jahresproduktion in keiner Weise
mit dem vergleichen, was vor
zwei Jahrzehnten vorhanden war.
Die künstlerische Erschöpfung
ist eine europäischeErscheinung.
Die Ausstellungen der Akademie
werden ja von Jahr zu Jahr schein-
bar besser. Sie sehen dem ersten
Blick gut aus, die vorhandenen
Talente werden systematisch ge-
sammelt, werden zum Teil sogar
dahin gebracht, für die Akademie
ihre besten Arbeiten aufzuheben,
und technisch werden alle Er-
fahrungen der letzten Jahrzehnte
genutzt. Dennoch verlieren diese

— wie alle andern Ausstellungen

— beständig an Gehalt, an Sub-
stanz; während die äußere Be-
deutung steigt, sinkt die innere.
Da neue Talente nicht hinzu-
kommen und die vorhandenen
sich nicht entwickeln, wird es
von Jahr zu Jahr weniger. Die
Träger der Zukunftshoffnung
waren vor allem die, die hier des
öfteren die Vierzigjährigen ge-
nannt worden sind, Künstler
wie Kirchner, Heckel, Nolde,
Schmidt-Rottluff, Pechstein, so-
dann die Münchner von Casper
bis Seewald, und endlich die
nach anderer Richtung orien-
tierten Erben: Purrmann, Groß-
mann, Levy. Diese Künstler waren für Deutsch-
land, was die Künstlergruppe um Matisse, Derain
und Picasso für Frankreich ist. Von den meisten
muß man sagen: sie waren es. Denn bei fast
allen spürt man jenen Stillstand, der Rückschritt
ist. Es ist, als hätten sie ihre Mission schon
erfüllt, als hätten . sie sich bereits ausgegeben,
als wären sie im Besitz jenes Talents, das man
mit fünfundzwanzig Jahren hat, nicht aber des
Talents, das in jedem Jahrzehnt neue Wachstums-
ringe ansetzt, als fehle es ihnen allen irgendwie
an menschlicher Fülle. Es läßt sich in dieser Aus-
stellung freilich nur zur Hälfte nachprüfen. Kirch-
ner und Heckel sind nicht vertreten, von den
Münchnern ist nur Seewald mit einem illustrativ

RUDOLF GROSSMANN, INTERIEUR

wirkenden Triptychon anwesend, Purrmann und
Levy fehlen ebenfalls. Dafür gibt es Kollektiv-
ausstellungen von Pechstein und Schmidt-Rottluff,
mehrere charakteristische Bilder von Kokoschka,
einzelne Arbeiten von Hofer und Großmann und
sodann eine Fülle dessen, was sonst in der jüngeren
Kunst Anspruch auf Beachtung erhebt. Überall
regt sich Talent; überall aber bewegt es sich wie
ein angepflocktes Tier im engen Kreise.

Kokoschka hat ein paar Landschaften geschickt,
die zum besten gehören, was er in der letzten
Zeit gemalt hat. Dennoch: was ihn zu Münch zog,
läßt nach; statt dessen bildet sich immer deutlicher
ein formaler Manierismus heraus. In seinen bei-
den Landschaften ist viel künstlerischer Witz, in

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