Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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HARUNOBU, SCHREIBUNTERRICHT (SERIE). 1767

AUS KURTH: HARUNOBU. R. PIPER & CO., VERLAG, MÜNCHEN

ist eben der japanische Holzschnitt. Er ist vor
allem nicht der chinesische. Dieser will einmal
keine Eigensache sein wie der japanische, keine
Originalgraphik in unserem Verstände, sondern
nur die mehr oder minder freie Reproduktion be-
rühmter Gemälde. Und er ist zum anderen Male
gar kein eigentlicher Holzschnitt, sondern ein ganz
besonderes reproduktives Mischverfahren, dessen
heterogene Technik noch keiner genau entziffern
konnte. Aber wie dem auch sei: ein flüchtiger
Blick schon auf beide Erzeugnisse zeigt ihre völlige,
unvergleichbare Verschiedenheit. Sind die China-
drucke auch eigentliche Reproduktionen, so haben
sie dennoch — so widerspruchsvoll das klingen
mag — einen größeren, originalen Wert als die
japanischen. Selten ist ein Druck dem anderen
gleich, dem dieselbe Vorlage und auch dieselben
Platten zugrunde lagen; jeder einzelne ist deutlich

mit mannigfachem artistischem Raffinement
manuell bearbeitet und vornehmlich in der
nuanzierten farbigen Tönung auf eine immer
wieder andere Weise abgestimmt. Kennt
man auch die Vorlagen nicht der vorhan-
denen Drucke, so doch jenen ähnliche Male-
reien. Und angesichts dieser scheint es fast,
daß die Vorlagen an malerischer Gelöstheit,
an hingehauchter improvisierter Zartheit von
den merkwürdigen Druckgebilden noch
übertroffen werden, die ein viel späteres, be-
wußteres Geschlecht frei danach gestaltet
hat. — Dem allen gegenüber ist der japanische
Holzschnitt eine völlig einheitliche künstle-
rische Disziplin; die Vorlagezeichnungen
sind im Hinblick auf die Herstellung der
Holzplatten schnittgerecht gehalten, und
bleibt auch der Duktus ihres Pinselstrichs
dank der Sorgfalt des Xylographen im Drucke
sichtbar — wie der Kiel in Dürers Holz-
schnitten und die Feder in Dores oder
Richters Illustrationen —, so ist doch durch
das Arbeiten für das Holz und den Druck
mit ihm ein eigener, charakteristischer Stil
geschaffen, der den japanischen Holzschnitt
trotz seiner großen, motivischen, komposi-
torischen und farbigen Mannigfalt durchaus
als eine Einheit faßbar macht. Wie aber
der japanische Holzschnitt nicht der so-
genannte chinesische ist, so ist er noch
viel weniger ein chinesisches Tuschbild oder
eine persische Miniatur oder eine Zeichnung
Lautrecs: mit welch' allem er nämlich und stets
zu seinem Nachteil ist verglichen worden. Er ist
eben, wir können es nur wiederholen, der japa-
nische Holzschnitt. Und es wäre an der Zeit,
mit dieser unsinnigen Vergleichstotschlagetechnik
aufzuräumen, deren methodische Anwendung, das
eine gegen das andere auszuspielen, an sich sinn-
los ist, nirgends aber in solchem Maße wie bei
der Betrachtung lebendiger Schöpfungen als etwa
künstlerischer Gebilde. Es ist noch kein Werk
dadurch bedeutender geworden, daß man ein an-
deres zu seinem Ruhme verbrannt hat, und diese
Opferflammen haben seine besonderen Eigen-
schaften noch stets in ein schiefes, nie aber
in ein deutlicheres Licht gesetzt. Aber freilich:
es ist nicht nur die bequeme, biegsame und über-
aus wirksame Handhabung, die diese Vergleichs-

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