Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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schaftliche, so sehen wir jene Synthese von Geist
und Natur, von Sinnen und Seele bis zu einem
absoluten Grade verwirklicht. Dabei meinen wir
nicht ausschließlich, aber in betontem Maße, die
zenistische Tuschmalerei, nicht jedoch deren
letzte, extreme, nur noch in gehauchten, chiffre-
mäßigen Abbreviaturen sprechenden Produkte, son-
dern die der frühen und mittleren Periode: die
mit einem äußeren und einem inneren Auge zugleich
erfaßt zu sein scheinen. Jedes dieser Naturbilder
aber mit Berg und Baum, Fels und Wasser und
aller erdenklichen Kreatur darin ist ein Konkretes,
Einmaliges, spürbar sein ganz besonderer Duft,
seine ganz besonderen Laute, sein einziges Hier
und Jetzt und doch ist ein jedes die Natur an
sich, ihr Atmen und Weben selbst, ihr ewiges
Symbol. Es gibt nur einen Vergleich zu der
dichten sinnlichen Gebundenheit und geheimnis-
vollen Weite, zu der gedämpften Andeutung und
gefaßten Bestimmtheit dieser künstlerischen Ge-
bilde, und das ist die Menschengestalt in der
griechischen Kunst nahe ihrer klassischen Höhe.
So wenig an sich Plastik mit Malerei, Menschen-
leib mit Formen der Natur vergleichbar sind. Und
will man es auf eine einfache Formel bringen, so
mag man wohl sagen: wie dem Griechen, diesem
Erfinder des Menschen schlechthin, der Mensch
Maß war und Mitte, der feste und letzte Bezugs-
punkt, so ist es dem Ostasiaten die stumme Natur
in ihren ewigen Elementen. Er steht dieser Natur
nicht gegenüber, sondern völlig in ihr, er ist nicht
als Spannungsmoment zwischen sie und alle Geistes-
tätigkeit geschaltet, sondern fühlt ihren Strom durch
sich hindurchwirken bis in die letzte geistige Tat.
Und sein Bewußtsein hat diese Einheit von Umwelt
und Innenwelt, von Geist und Natur nicht zer-
schnitten — wie es den abendländischen Menschen
mehr und mehr von ihr abgeschlossen und in sich
vereinzelt hat, auf jenem Schicksalsweg, der mit
dem Griechentum begann —, sondern es hat ihn,
zu welcher Reife es auch erwacht war, jene Einheit
auf nur immer hellerer Stufe neu erleben lassen.
So haucht er der toten Natur nicht erst das Leben
ein, sondern er empfängt es von ihr. Und sein
Werk ist nicht ein der Natur Entgegengesetztes,
sondern selber gleichsam Natur: so potenzierte,
so tausendfach gesiebte Natur, daß ihre innerste
Lebendigkeit, ja der Rhythmus der Welt durch
alle Formen hindurchbricht. Nur so ist die Zau-

berei dieser Bilder faßbar, nur so möglich, Idee und
Wirklichkeit in eines zu binden mit solcher Klar-
heit, im Endlichen das Unendliche zu zeigen mit
solcher Transparenz.

Von dieser Höhe ist freilich es schwer zurück-
zufinden zum japanischen Holzschnitt und zum
gerechten Maß seiner Bewertung. Aber wenn von
der angedeuteten Synthese wenig mehr in ihm zu
spüren ist, so nicht zuletzt darum, weil er den
Menschen und das in allem Betracht menschen-
hafte in einem Maße in den Vordergrund stellt
wie sonst weder die chinesische noch japanische
Kunst: in einem Maße, das letzten Endes über
Sinn und Wesen ostasiatischen Geistes und seiner
tiefen Bezogenheit auf den ewigen Urgrund in
revoltierender Respektlosigkeit hinaussetzt. Und
doch lebt auch in diesen Blättern, die so ganz
dem Irdischen zugewandt sind und des Täglichen
banaler Vielfalt und dem tausendfachen Reiz
flüchtig-genießenden Augenblicks noch etwas von
der stillen Symbolkraft jener Malereien: nicht nur
in manchen landschaftlichen Darstellungen, sondern
gerade auch dort, wo die Menschenfigur, ein-
gewoben in ein geheimnisvolles Netz von Farb-
und Linienbezügen, fast zum Zeichen aufgelöst ist
und doch noch gegriffen in knapper Sinnlichkeit
und gespitzter Charakteristik. Und das ist der
besondere und letzte Reiz des ganzen japanischen
Holzschnitts, das ist, was über alles Irdisch-
menschenmäßige hinausweist ins Unendliche: daß
er völlig auf der rätselvollen Grenze steht von
der Gestaltung des Gegenständlichen zum ewigen
Ornament und daß er es vollbringt, mit spielen-
der, fast frivoler Sicherheit auf dieser schmalen
Scheide zu equilibrieren. —

Von den Werken, die den japanischen Holz-
schnitt behandeln, seien vor allem die von Julius
Kurth genannt, die mit einer sympathischen, fast
eifersüchtigen Liebe für ihr Thema erfüllt sind.
In seinem Abriß der Geschichte des japanischen
Holzschnitts (3. Auflage, R. Piper & Co., München)
ist in nuce das Wissenswichtigste gesagt, übersicht-
lich gefaßt und mit charakteristischen Bildern illu-
striert; ähnlich knapp, reichhaltig und vorzüglich
ausgestattet ist sein kleines Buch über die Primi-
tiven : ein Vorläufer einer großen Arbeit über diese
starken, seltenen Wiegendrucke des Holzschnitts
(WolfgangJeß, Dresden); dann seine beiden großen
Werke mit reichem Bildmaterial und einer Fülle

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