Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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übt hat. Er ist unter den Jungen einer der
wenigen, denen das Glück beschieden war, die
neuen Ideen in größerem Umfang in die Praxis
zu übertragen. Ihm sind in den letzten Jahren
eine Reihe größerer Bauaufgaben zugefallen, an
denen er seine Kräfte erproben und seine starke
Begabung entwickeln konnte. Sein Wohn- und
Geschäftshaus in Gleiwitz ist eine ausgezeichnete
Leistung und zugleich ein überzeugendes Beispiel
dafür, zu welcher Auflösung der alten Architektur-
begriffe die neue Lehre geführt hat. Bei der Auf-
stockung des Mossehauses ist der kühne Versuch
unternommen, den isolierenden Charakter der alten,
rein dekorativen Fassadenarchitektur aufzuheben
(ohne ihren Bestand wesentlich anzutasten) und das
Gebäude als Funktionselement so in die Straßen-
wand einzuspannen, daß es die Bewegungsrichtung
der Straße bestimmt. Die Bewegung tendiert in
schärfstem Rhythmus zur Ecke, wo der Haupt-
eingang des Gebäudes liegt. Alles ist darauf ab-
gestellt, diese Bewegungsrichtung zu unterstreichen:
die halbseitigen Umrahmungen der Fenster, die
keramischen Gliederungen und Bänder, und nicht
zuletzt die betonte Horizontale des Gesimses, die
an der Ecke in scharfer Biegung bis zum Eingang
hinuntergeführt ist und dort in einen breit aus-
ladenden Baldachin ausschwingt. Man mag ein
gut Teil Brutalität darin sehen, wie die neuen
Teile gegenüber dem Altbau zu beherrschender
Wirkung gebracht worden sind. Aber der Erfolg
spricht für diese Methode. Denn es ist nicht zu
leugnen, daß durch diesen Umbau ein ganzer Stadt-
teil ein neues und sehr markantes Gesicht be-
kommen hat.

In den Entwürfen von Hilbersheimer, in den
Projekten von Gropius und Meyer für eine Philo-
sophenschule in Erlangen ist die neue Lehre mit
einem Doktrinarismus zur Anwendung gebracht,
der schon wieder akademisch wirkt. Dieser Fana-
tismus der Idee mag eine moralische Tugend sein,
besonders wenn es auf die Darstellung und Ver-
teidigung dieser Idee ankommt; künstlerisch führt
er unweigerlich zur Erstarrung. Eine Lehre, wie

die des Konstruktivismus, die dem Verstand mehr
als der Einbildungskraft vertraut, die so sehr auf
Regelhaftigkeit hält und auf das Dogma rationeller
Gestaltung, neigt ohnehin dazu, in einen lehrhaften
Akademismus zu verfallen. Wo aber der Kon-
struktivismus doktrinär wird, erstarrt er in Ab-
straktionen von eisiger Kälte und Nüchternheit.

Daß es im übrigen der neuen Bewegung auch
nicht an Mitläufern fehlt, beweist die Ausstellung
an einer Reihe von Beispielen. Mit der gewohn-
ten Geschicklichkeit der Profiteure machen sie
sich die neue Ausdrucksweise zu eigen und wissen
sich gewandt in ihr auszudrücken. Indessen sind
diese modischen Erzeugnisse trotz des veränderten
Vorzeichens leicht als Werke eines schnellfertigen
Formalismus zu erkennen.

Als eine Persönlichkeit eigenen Gepräges steht
zwischen der alten und neuen Generation der
Architekt Hans Poelzig, vielleicht das einzige große
Baumeistertalent unserer Zeit. Der Entwurf zum
Salzburger Festspielhaus, dessen letzte Fassung hier
hängt, ist trotz aller Mängel ein Werk großer
Architektur, strotzend von Saft und Kraft. Und
der Kuppelraum des Zuschauerhauses schwingt
und klingt in einem Reichtum von Formen, der
in seiner geballten Fülle auf die großen Traditionen
des Barock zurückweist.

Und inmitten dieser Galerie von Modellen und
Entwürfen, in denen es von Problemen brodelt,
in denen eine neue Lehre vom Bauen zum Lichte
ringt, hängt in einem schmalen Goldrahmen ein
kleines farbiges Studienblatt von Heinrich Tessenow,
ein Entwurf zu einer Treppenhalle, ein stilles, be-
scheidenes Blatt, von einer Schlichtheit der Er-
findung und von einer Anmut der Zeichnung, die
in dieser Umgebung fast historisch wirkt. In diesem
Blatt aber liegt eine lebendige Welt beschlossen,
eine Welt, in der es nichts Problematisches gibt,
die zeitlos ist und ewig: die Welt der Schönheit,
der zu Ehren die junge Generation mit Recht
dieser Zeichnung in ihrem Ausstellungssaal einen
Vorzugsplatz eingeräumt hat.

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