Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 22.1924

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WILLI NOWAK, ILLUSTRATION ZU HUGO VON HOFMANNSTHALS „ADIADNE AUF NAXOS". FARBIGE LITHOGRAPHIE

VERLAG DER MAREEGESELLSCHAFT

hält, daß erinRembrandt einenThomazug zu entdecken meint.
Dem Rezensenten will scheinen, daß Beyer nicht konsequent
ist. Er sollte sein Buch lieber gleich nennen: Die moralische
Landschaft. Mit dem Untertitel: über erbaulich-beschauliche
Naturmalerei. Auch das Wort sentimentalisch wäre am Platz.
Freilich müßten dann die alten Meister wegbleiben. Aber
sie sind ja ohnehin nur auf Grund einer Konstruktion da.
Beyer hat von Natur eine Vorliebe für die weichen Sinnierer
der Malerei, für die christlich frommen Pantheisten (wenn
man so sagen darf), für die Eremiten und Träumer unter
den Naturalisten. Und diese Vorliebe baut er zu einem
historischen System aus. Nun gut; im Grunde tut keiner
etwas anderes, als daß er das Allgemeine von seinen Inter-
essen aus denkt. Nur sind Beyers Interessen doch gar zu eng
und orthodox; sie haben etwas Pfäffisches. Beyer wirkt wie
ein Konsistorialrat des Kunsturteils. Mit Talar und Bäffchen.

Neben ihm wirkt Ernst Fuhrmann wie der Medizin-
mann eines wilden Stammes. In seinem neuen Buch spricht
er über das Thema: der Sinn im Gegenstand (verlegt
bei Georg Müller, München), und er meditiert über die Be-

deutung des Ornamentes. Ihn drängt es jedesmal, zur Ur-
zelle zurückzugehen, und von dort aus die Welt in Gedan-
ken noch einmal zu schaffen. Es reizt ihn der Ursinn der
Sprache, das Wort wird ihm zum mythischen Erklärer der
Geheimnisse. Psychoanalyse dringt in die Kunstbetrachtung,
der Geschlechtssymbolik wird ein Platz im Zentrum des
Problems angewiesen. Dem Verfasser geht alles noch sehr
durcheinander. Gelehrte werden über diese Mischung von
Wissenschaft, Dilettantismus, Dichtung und Spekulation ent-
setzt sein. Dennoch ist es etwas mit diesem merkwürdigen
Mann. Es ist ein dunkler Drang in ihm, etwas Schicksal-
haftes, das seinen Weg suchen muß, wie es kann und will.

Max Lehrs hat (im Propyläenverlag) die Lebens-
erinnerungen eines deutschen Malers von Ludwig
Richter neu herausgegeben, im genauen Nachdruck des
Originalmanuskripts. Bisher lag nur die Bearbeitung des
Sohnes vor. Schon in der ersten redigierten, ergänzten und
verstümmelten Ausgabe ist Richters Lebensgeschichte den
Deutschen ein Volksbuch geworden. In dieser gereinigten
Form wird die Wirkung noch stärker sein. Die Einfalt dieses

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