Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 51.1900-1901

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facsimile
\67. Zierleiste von Beruh. Wenig, Berchtesgaden.

AunskgeweiMche Streifzüge auf
der Pariser IVektausfteEung. Sine
(Naeßkefe. (Von L. (Emetin.

er etwa mit der Absicht nach Paris
gegangen sein sollte, die Welt-
ausstellung ganz zu sehen und
zu verstehen, der hätte über eine
übermenschliche körperliche und
geistige Araft verfügen müssen, um
seine Absicht durchzuführen. „Die Waffe könnt Ihr
nur durch Waffe zwingen" — und auf Waffe in
jeder Beziehung war das Riesenunternehmen zuge-
schnitten. Wer mit Ernst und Eifer umfassende Stu
dien machen wollte, lief Gefahr, in dieser geistigen
Aberfütterungsanstalt einer geistigen Verfettung an
heiinzufallen. Und auch wer sich nur auf bestimmte
Gebiete beschränken wollte, hatte schon seine liebe
Not, in der meist nur kurz bemessenen Zeit alles zu
finden, was ihn anging, selbst wenn er die in den
rückschauenden kunstgeschichtlichen Ausstellungen oder
in der Aolonialabteilung untergebrachten Dinge seines
Faches ganz unberücksichtigt hätte lassen wollen.
Denn das der Ausstellung zu Grunde gelegte Prinzip
der Einteilung nach Waterialgruppen war schon
durchbrochen, als man auf der Esplanade des In-
valides den einzelnen Staaten bestimmte Bauteile für
Erzeugnisse der Gruppe XII überließ, welche die
dekorative Ausschmückung und Ausstattung der Innen-
räume im weitesten Sinne umfaßte. So fand man
denn z. B. die Aeramik schon auf die einzelnen Län-
dergebiete verzettelt, und überdies mußte man andere
wichtige Arbeiten derselben am Portal beim Aon-
kordienplatz, in den Gartenanlagen am Aunstpalast,
im italienischen Staatsgebäude u. s. w. suchen. Da
aber das Aunstgewerbe oder, wenn man lieber will,

die dekorative Run st nicht nur selbständig, son
dern überall, wo es sich um die gefällige Erscheinung
größerer oder kleinerer Ausstellungsgruppen handelt,
als Begleiterscheinung auftritt, so würde es
ein vergebliches Bemühen sein, all die zahlreichen
Einzelquellen vollständig auszuschöpfen, zumal die
räumliche Ausdehnung der Weltausstellung einen
Umfang erreicht hatte, der eine rasche Orientierung
von vornherein ausschloßck)

Die Ausstellungen, ursprünglich gedacht als Aus-
weise der Leistungsfähigkeit eines fachlich oder poli-
tisch begrenzten Gebietes, sind längst zu Parade-
prüfungen herabgesunken, über deren Ausfall im
allgemeinen zumeist schon zum voraus wenig Zweifel
bestehen; solche Probemobilmachungen haben darum
nur einen höchst zweifelhaften Wert, weil sie so lange
vorher angekündigt und vorbereitet werden, daß jeder,
der sich daran beteiligen will (oder muß), bequem
Zeit hat, sich zu rüsten und seine Truppen zu den
Fahnen zu rufen. Die Entscheidung darüber, welches
die bessere Truppe wirklich ist, nicht nur scheint,
wird schließlich doch nur im wirtschaftlichen Aamps

st Von der ersten Pariser Weltausstellung im Jahre tsss
an, welche bei einer Gesamtfläche von tS8 000 qm ungefähr
; 20000 qm (°/4 bes Ganzen) an überbauter Fläche besaß, nahm
der Umfang stets zu und nnifaßte bei der lehtjährigen Aus-
stellung ein Gesamtareal von ; 080 ooo qm, wovon genau die
ksälftc überbaut war; rechnet man dazu die Galerien, die
Mber- und Untergeschosse in den Staatengebänden, die zahl-
reichen Ausstellungsstücke au den Gartenwegen (Statuen,
Brunnen, Ruhebänke u. s. w.), so darf man für die gesamte
zu Schauzwecken ausgenutzte Bodeufläche beinahe s/i qkm
rechnen. (Die überbaute Fläche betrug (889 290000 qm, stand
also z» der des Jahres (900 ungefähr im Verhältnis wie
\2-.25). Münchener feien daran erinnert, daß die Länge der
Ludwigstraße voni Ludwigsdenkmal bis zum Sicgesthor einen
Kilometer beträgt und daß s/4 qkm etwa von einem Viereck
umschlossen wird, dessen Ecken durch die genannten Punkte,
sowie durch den Karoliuenplatz und den nördlichen Friedhof
markiert werden.

- W - H

Aunst und Handwerk. 5P )ahrg. Heft 4.
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