Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 3.1892

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NATURSTUDIEN VON GOTTLIEB KEMPF.

Die Randleiste, welche diese Zeilen begleitet,
ist aus zwei Brombeerzweigen zusammengesetzt, an
denen Blüten und Früchte sich drängen, ein Teil
der letzteren schon dunkel gefärbt. Oben rechts
schwebt ein Schwalbenschwanz, lichtgelb und
schwarz gestreift. — Auf der beiliegenden Tafel
sehen wir einen Kiefer- und einen Distelzweig, von
einem schmalen Seidenbande zusammengehalten. Der
Distelzweig hat leider des Formates wegen zer-
schnitten werden müssen, um das Ganze in Original-
größe bringen zu können. — Die Schlussvignette
giebt einen Zweig von wilden Rosen, auf dem ein
großer Hirschkäfer sitzt. — Alles ist mit geringen
Veränderungen unmittelbar nach der Natur gezeichnet,
zuerst in Blei, dann mit der Feder, jedoch ohne
voraufgegangene Skizzen.

Gottlieb Kempf, der Urheber dieser köstlichen
Zeichnungen, ist ein Wiener Kind, geboren am
24. Juni 1871, als Sohn eines k. k. Telegraphen-
beamten. Er besuchte zuerst die Volksschule und

dann drei Jahre lang das Gymnasium; hier aber
ging es ihm so schlecht, dass es das Beste war, die
gelehrten Studien aufzugeben. Auch die Zeichen-
schule brachte zuerst keinen guten Erfolg. Nach
anderthalb Jahren wurde zwar die Aufnahmsprüfung
in die Vorbereitungsschule des Österreichischen Mu-
seums glücklich bestanden, aber mit dem Unter-
richte wollte es nicht vorwärts. So versuchte es
denn Kempf nach einem halben Jahre mit dem Ein-
tritt in die Akademie, bestand die Prüfung und
machte in der Schule des Professors Julius Berger
bald große Fortschritte, zunächst im Zeichnen, dann
auch im Malen. Die vorliegenden Federzeichnungen
sind Ferienarbeiten aus dem Jahre 1889. Sie trugen,
im Verein mit anderen, gleich vollendet ausgeführ-
ten Blättern, dem jungen Künstler bei der aka-
demischen Preisverteilung 1890 die goldene Füger-
medaille ein. Im Jahre 1891 erhielt Kempf für seine
trefflichen gemalten Studienköpfe, Stillleben und
Entwürfe den Gundelpreis. C. v. L.
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