Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 3.1892

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Wer heute in Deutschland einen eigentümlichen
oder fremden Geschmack bespricht, gerät leicht in
den Verdacht, unser Kunstgewerbe in die Bahnen
dieses „neuen Stils" lenken zu wollen. Noch ist
unser nationales Empfinden so unsicher, dass manche
glauben, alles Gute sei nur dazu geschaffen, dass es
der Deutsche nachahme. Ganz im Gegenteil sollte die
Erkenntnis einer fremden Eigenart uns lehren, um
so entschiedener unser Eigentum herauszusuchen,
festzuhalten oder zu entwickeln. Was wir im folgenden
empfehlen wollen, sind die Tendenz und der Geist des
englischen Geschmacks, nicht die einzelnen Formen;
diese sind vielmehr dem deutschen Gefühl zum Teil
schnurstracks entgegen.

Bekanntlich beruht das heutige englische Kunst-
gewerbe, ebenso wie das deutsche, auf einer bewuss-
ten Reform, welche zunächst an die Weltausstel-
lungen anknüpfte. England ist die Wiege dieser
Bestrebungen; auf der ersten Ausstellung zu London
im Jahre 1851 erkannten einsichtige Männer, dass
die englische Kunstindustrie im Vergleich zur fran-

Kunstgewerbeblatt. N. F. III.

I. Die moderne Reform;
die Wohnung.

zösischen durch Ungeschmack völlig verdorben sei,
obgleich schon 1838 zahlreiche Zeichenschulen be-
gründet Avorden waren; man versuchte daher, neue
Grundlagen zu schaffen durch Museen mit alten
Vorbildern und durch ein Netz von speziellen Kunst-
schulen, welches noch heute das ganze Land fast
allzu straff überspannt. Bekannt ist auch, welchen
Anteil deutsche Männer daran hatten: der Prinz-
gemahl Albert als hochsinniger Protektor, Gottfried
Semper als Theoretiker und Lehrer an der Oentral-
schule. Man stellte nach Sempers Ideen eine Reihe
von Grundsätzen auf und suchte diese „Principles"
in jeder Form zu verbreiten; man ließ sie u. a. in
großen Lettern drucken, um sie in den Klassen wie
Verordnungen anheften zu können. Da war zu lesen:
Die wahre Aufgabe des Ornaments ist, den Gebrauchs-
gegenstand zu verzieren; das Ornament muss sich
daher dem Zwecke unterordnen. Das gute Ornament
besteht nicht in der bloßen Nachahmung von Natur-
gebilden, sondern in der Anpassung ihrer eigentüm-
lichen Form- und Farbenschönheit an die dekora-

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