Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 3.1892

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Aus dem Werke: Heiden, Motive. (Leipzig, A. Seemann.)

KLEINE MITTEILUNGEN.

Kaffeekanne in Silber yetrieben. (Im Kgl. Kunstgewerbe-
museum zu Berlin.) Diese Kanne 0,26 hoch, 1758 in Paris gear-
beitet, ist ein sehr zierliches Stück der französischen Rokoko-
kunst und ist in der anmutigen Schlichtheit seiner Formen den
gleichzeitigen Stücken deutscher Arbeit erheblich überlegen.
Die Form ist der bekannte bauchige Typus, welcher durch chi-
nesische Porzellankannen beeinflusst aber doch nicht nach den-
selben kopirt, sondern in europäische Metallformen geistreich
übersetzt ist. Die Hauptfläche des Körpers ist völlig glatt

Kaffeekanne in Silber getrieben.

und nur durch einige leicht darüber gehängte Blumenranken
belebt, das Ornament setzt nur an den struktiv thätigen
Stellen, Boden, Rand, Henkel und Tülle an. Es ist ein leich-
tes Muschelwerk welches eine schräge Drehung mitmacht,
gleichsam die Linien begleitend, welche das Gefäß beim Her-
aushämmern aus dem Metallblech durchzumachen hat. Wir
sehen diese Bewegung auf gleichzeitigen Kannen häufig als
schräglaufende Rippen den ganzen Körper teilen in ganz ver-
wandter Anschauung mit dem gotischen Buckelwerk wel-
ches geichfalls den Körper in schräger Drehung packt. Die-
ser Richtung des Körpers entsprechend setzt auch die Schnauze
in schräger Windung an. Dieselbe ist an unserer Kanne mit
überfallendem Rande und dem leichtaufgebogenen Deckel
ganz vorzüglich nach Analogie des menschlichen Lippenpaares

durchgebildet. Ebenso vorzüglich ist der Ansatz des Henkels
dessen Akanthusblätter sich fest an den Körper anzusaugen
scheinen. Am wenigsten organisch sind die Füße, welche
ohne Verbindung mit dem Gefäße oder unter sich als Zu-
sätze erscheinen, übrigens sehr gefällig bewegt sind und in

Silberne Gusskanne.

ihrer metallischen Schlankheit sich von den Füßen der gleich-
zeitigen und gleichartigen Porzellankannen charakteristisch
unterscheiden. Der Deckel ist in gleicher Weise mit Muschel-
werk verziert, den Knopf bildet eine Rose. Der hölzerne
Henkel ist sehr fein mit flach liegenden Akanthusblättern
geschnitzt. Die Herkunft der Kanne ist durch die Stempel
außer Frage gestellt. Sie trägt das A von Paris, ferner den
Stempel des Zollpächters Eloi Brichard von 1758/59 und den
Jahresbuchstaben S von 1758. Unbekannt ist bisher noch
der Name des Meisters. Sein Zeichen ist C L, dazwischen
ein Kreuz, darüber eine Wappenlilie mit Krone. Silberge-
fäße dieser uns so nahe liegenden Zeit, besonders kleineres
Gebrauchsgerät sind in unseren Sammlungen weit seltener,
als die um zweihundert Jahre älteren deutschen Pokale.
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