Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 3.1892

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facsimile
Schmiedeeiserner Beschlag. Spanien, 15. Jahrh. Kunstgewerbemuseum, Köln.

DER CORVINUSBECHER VON WIENER-NEUSTADT.



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>JN DER Ungarischen Revue
1891 Heft IIIS. 212 steht ein
Aufsatz von Dr. Jos. Mayer
über die Beziehungen des
Königs Mathias Corvinus
zu Wiener Neustadt und
dem Corvinusbecher. Dieser
Becher darf wohl als be-
kannt angesehen werden, ist er doch ohne Ein-
schränkung als das schönste Stück aller erhaltenen
gotischen Buckelbecher zu bezeichnen, achtzig cm
hoch mit Rändern und Blütenwerk in ungarischem
Drathemail herrlich geziert, häufig abgebildet und
auch durch eine treffliche galvanische Vervielfälti-
gung in vielen Museen vertreten.

Über die Entstehungszeit kann ein Zweifel nicht
obwalten. Auf dem Deckel ist die Gestalt eines
Ritters angebracht, welcher auf einer Stange ein
Herz hält. Dieses Herz mit seinen Inschriften ist
allerdings neu, aber nach des Verfassers sicheren
Erkundigungen eine genaue Wiederholung des alten
beschädigten Stückes. Die Inschriften enthalten die
Devise des Kaisers Friedrich III., einen Namenszug
des Königs Mathias Corvinus nebst den beiden Wap-
pen und die Zahl 1462. Es handelt sich also um
den Friedensabschluss der beiden streitenden Herr-
scher, welcher 1462 erfolgte und die Auslieferung
Ungarns und der ungarischen Krone an Mathias
zur Folge hatte.

Die bisherige Annahme ging auf Grund lokaler
Überlieferungen dahin, dass der Becher bei dieser
Gelegenheit von Mathias an die Stadt Wiener-Neu-
stadt geschenkt sei.

Kuustgewerbeblatt. K. F. III.

Mayer weist nun darauf hin, dass der wirkliche
Abschluss der Verträge erst 1463 in Oedenburg
stattgefunden habe und dass Mathias erst 1487 in
den Besitz von Wiener-Neustadt gelangt sei. Mayer
ist daher der Ansicht, der Becher müsse auf Bestel-
lung des Kaisers Friedrich III. angefertigt, aus Zu-
fall auf die Burg von Wiener-Neustadt und mit
dieser in die Hände von Mathias gekommen sein.
Hierzu wird er hauptsächlich durch ein ,Zeichen'
F I bestimmt, welches sich am untersten Rande des
Deckels und an der Innenseite des Fußes befindet
und welches nach seiner Meinung sich nur .Frideri-
cus Imperator lesen lasse. Nun steht aber am äu-
ßersten Rande des Fußes auch noch ein Z einge-
schlagen und dies soll den Künstler bedeuten. Hier
bietet sich dem Verfasser ein Goldschmied Wolf-
gang Zulingcr, welcher 1457 Kirchmeister, also je-
denfalls ein sehr angesehener Mann in Wiener-Neu-
stadt war.

In dem Aufsatz Ist leider nicht gesagt, worin
das .Zeichen' F I besteht, ob es als Stempel einge-
schlagen oder eingravirt ist, nach der Abbildung
sieht es eher wie ein Stempel aus.

Aber selbst wenn es eingravirt ist,, so scheint
die Lesung Fridericus Imperator völlig unstatthaft.
Ein Kaiser, der einen Becher bestellt, kann als Auf-
traggeber nicht mit einem winzigen Monogramm
am Rande des Deckels und unter dem Fuße abge-
fertigt werden. An dem Becher selbst sehen wir,
in wie prägnanter Weise solche Zeichen (auf dem
von einem Ritter getragenen Herzen) hervorgehoben
werden. Die genannten Stellen sind die untergeord-
neten Stellen, an welchen die Meisterzeichen der

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