Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 3.1892

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DIE DEUTSCHE WELTAUSSTELLUNG DER ZUKUNFT.

VON HERMANN HILL GER,
(Mit Genehmigung des Verfassers abgedruckt.)

ER DIE Entwickelungsge-
schichte des ablaufenden
Jahrhunderts prüfenden
Auges überschaut, der wird
sich der Wahrnehmung
nicht verschließen können,
dass die Charakteristik un-
seres Kulturlebens, ja die
eigentliche Signatur dieses ganzen Zeitalters in dem
außerordentlichen Umfange zu suchen, zu finden
ist, den die Beziehungen der Völker auf dem Erd-
ball zu einander und mit einander gewonnen haben.
Während noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts
nicht nur die einzelnen Staaten, sondern auch die
einzelnen Städte, Marktflecken und Dörfer in wirt-
schaftlicher Beziehung völlig isolirt dastanden, sind
sie heute zu einem solidarischen Ganzen verbunden:
die partikularen Wirtschaftskreise sind von der
Wucht des Einigungstriebs durchbrochen, nieder-
gelegt, und ein großes kosmopolitisches Band um-
schlingt sie insgesamt!

Dieses große Resultat ist freilich in der Haupt-
sache erst den letzten Jahrzehnten und ihrer uner-
müdlichen Kulturarbeit gut zu rechnen: erst seit der
zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts sehen wir die
Staatengrenzen im wirtschaftlichen Sinne durch-
brochen, sehen wir durch Handels- und Schifffahrts-
traktate, durch Münz-, Post- und Telegraphenver-
träge u. s. w. eine Organisation höherer internatio-
naler Ordnung geschaffen.

Eine Thatsache von außerordentlicher Folgen-

n

schwere! Vor allem ist eine Hauptentwicklung im
Auge zu behalten: die Gemeinsamkeit der Wirt-
schaftsbedingungen aller Kulturländer ist zur Geltung
gelangt und damit die Weltwirtschaft angebahnt!
Dass letztere, die weitestmögliche wirtschaftliche
Gestaltung, durch welche der Ausgleich zwischen
Bedürfnissen und Gütern auf breitester Grundlage
gesichert wird, den Welthandel zur wesentlichen
Voraussetzung hat, braucht kaum gesagt zu werden.

Wohl aber, dass der Welthandel das vorzüglichste
Werkzeug des gesamten geistigen und materiellen
Kulturlebens geworden ist und die Teilnahme eines
Volkes am internationalen „Kampfe ums Dasein"
ermöglicht, aus welchem gesunde und kräftige In-
dividualitäten unter den Völkern hervorgehen —
mit Notwendigkeit hervorgehen müssen!

Je intensiver also ein Volk am Welthandel
teilnimmt, um so reicher fließt nicht nur die Quelle
der materiellen Volkswohlfahrt, um so fester be-
gründet sich auch die politische Rangstellung eines
Volkes, mit allen den wichtigen Folgen für das
innere und äußere Leben der Natur, welche aus jener
resultiren. Eine Großmachtstellung ist ohne eine
intensive Beteiligung am Welthandel nicht mehr
denkbar!

Auch ein Staat, der seine Bevölkerung nach
Hunderten von Millionen zählt — denken wir an
China! — ist, weil dem Welthandel sich ver-
schließend, trotz größten Reichtums an Naturschätzen
und trotz großer historischer Kultur im heutigen
Völkerleben fast jeder Bedeutung bar.

Das wichtigste Förderungsmittel des Welthan-
dels wie der Weltwirtschaft bilden heute aber, wie
wohl kaum mehr bewiesen zu werden braucht, die
Weltausstellungen! Erst vier Jahrzehnte sind ver-
flossen, seitdem durch den Gemahl der Königin
Viktoria, den Prince-Consort Albert, die Anregung
zur ersten allgemeinen Weltausstellung (London
1851) gegeben wurde, und wie ungeheuer sind wäh-
rend einer so kurzen Zeitspanne die Folgen jener
genialen Initiative gewesen! Mit der Verwirklichung
jenes Gedankens trat, wie ruhig behauptet werden
darf, die Kulturwelt in ein ganz neues Stadium!

Ein vorher fast ungeahntes Verkehrsmittel der
Völker unter einander war geschaffen, die Scheide-
wände feindlicher oder engherzig rivalisirender
Länder waren wie durch Zauber niedergelegt, und
entlegenste Nationen, die bisher kaum Kenntnis von
einander gehabt, traten daraufhin in unmittelbare
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