Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 3.1892

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Aus dem Palais Thurn und Taxis zu Frankfurt am Main.

DAS FÜRSTENECKZIMMER ZU FRANKFURT A. M.

MIT ABBILDUNGEN UND E1NEB TAFEL.

EIT März d. J. ist die
Sammlung des Mitteldeut-
schen Kunstgewerbevereins
zu Frankfurt a. M. durch ein
Zimmergetäfel bereichert
worden, welches nicht allein
als einer der wenigen Reste
von Altfrankfurter Patrizier-
Ausstattung hohes lokales Interesse beansprucht,
sondern auch vom allgemeinen kunstgeschichtlichen
Standpunkt als ein vornehmes Dekorationsstück
der deutschen Spätrenaissance Beachtung verdient.
Es hatte bis vor wenigen Jahren seinen Platz
in dem alten, mit spätgotischen Ecktürmchen
gezierten Bürgerhause „zum Fürsteneck" in der
Fahrgasse als vielbesuchte Sehenswürdigkeit und
oft umworbenes Objekt für Liebhaber — erzählt
man doch, dass seiner Zeit schon Louis Philippe ein
hohes, aber vergebliches Kaufgebot gemacht habe.
Um so größer war auf der einen Seite die Ent-
täuschung, als sich vor etwa drei Jahren die Nach-
richt verbreitete, das „Fürsteneckzimmer" sei nach
dem Auslande verkauft — auf der andern Seite die
freudige Genngthuung, als dasselbe nach etwa Jahres-
frist wieder im Frankfurter Kunsthandel auftauchte.
Dem entschlossenen und opferwilligen Zugreifen des
Vorsitzenden des Frankfurter Vereins gelang es, das-
selbe für den Besitz des letzteren zu sichern. "Nach
einer sehr sorgfältigen, von sachkundiger Hand und
unter steter Aufsicht bewirkter Reinigung und nach
minimalen Ergänzungen des geradezu wunderbar er-
haltenen Werks — wunderbar, wenn man in Betracht
zieht, dass der mit demselben ausgestattete Saal
viele Jahre einem Tanzlehrer als Übungslokal ge-
dient hatte! — fand es seine Aufstellung in dem
an die Sammlungsräume des mehrgenannten Vereins

Kunstgewerbeblatt. N. F. III.

anstoßenden Sitzungszimmer. Die Decke, eine mit
etwas derbem Ornamente gezierte große Kassetten-
teilung, welehe im Original wohl direkt an Ort und
Stelle in Stuck modellirt war, wurde abgeformt und
den veränderten Raumverhältnissen aufs beste ange-
passt, die Fenster mit Blei verglasung und dem Schmuck
einiger wertvoller gemalter Scheiben versehen. So
ist dies hervorragende Werk alter Holzdekoration in
würdigster Weise dem Publikum zur Schau gestellt.
Während in dem ursprünglichen Raum das Ge-
täfel einem unregelmäßigen Fünfeck angepasst war
umzieht es heute die Wände eines rechteckigen 5,5 m
auf 7,80 m messenden Zimmers. Die 2 m hohe Täfelung
gliedert sich in glatte Füllungen, mit atlasglänzen-
dem ungarischem Eschenholz furnirt, welche durch
eigentümliche Lisenen, (s. S. 26) geteilt sind. Zwei
nach unten verjüngte Stützen von äußerst bewegter
Zeichnung, oben unter dem Kapital in zwei seitliche,
mit gedrehten Knöpfen verzierte Hörner ausgeweitet,
in der Mitte durch eine Nische mit einer gedrehten
Docke unterbrochen, fassen zwischen sich eine der
Höhe nach zweigeteilte, mit einem reichen Nischen-
motiv dekorirte Füllung. Die reichste Verwendung
verschiedenfarbiger Hölzer, sowie die überall ange-
brachten Jntarsien geben dieser Teilungsarchitektur
einen hohen farbigen Reiz. Geschweifte Konsolen,
über das Hauptgesims hinübergreifend und wieder
mit den gedrehten Knöpfchen besetzt, endigen die
Stützen nach oben. Die Leibungen der Fenster sind
mit einem einfacheren und breiteren Nischenmotiv
bekleidet, in dessen bekrönendem Aufsatz Medaillons
mit vorspringenden Köpfen angebracht sind, welche
die vier Weltteile in je einem männlichen und einem
weiblichen Bewohner charakterisiren. Der unter dem
mit Zahnschnitten versehenen Hauptgesims rings um-
laufende Fries ist mit länglichen Ornamentfüllungen
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