Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 3.1892

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DIE VERSTEIGERUNG DER SAMMLUNG VINCENT.

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einigen anderen neuerdings erschienenen Vorlagen-
werken für Tapezierer, zeichnet sich auch das vor-
liegende durch gute Farbendrucke aus. Es bietet
ganze Innenansichten, Wand-, Thür- und Fenster-
dekorationen in allen Stil arten, meist in reicher Aus-
stattung. Die Mehrzahl dieser Entwürfe rührt von
einem Herrn Remon her, der dafür unleugbares
Geschick hat, er entwirft diese Sachen im Stil einer
bestimmten Zeit, was gewiss sehr löblich ist, da
heute auf Stilreinheit und Stileinheit, die früher nie
existirt haben, besonderer Wert gelegt wird. Sogar
eine gotische Fensterdekoration ist da. Ja, die guten

Leute des Mittelalters würden Augen machen, wenn
sie das sähen. Die hingen sich eine dicke Decke
vor ihre unverglasten Fenster oder machten die Läden
hübsch zu, um Wind und Wetter abzuhalten; aber
Fensterdekorationen kannten sie nicht. Auch die oft
aufs Jahr bestimmten Bezeichnungen der Dekora-
tionen in den späteren Kunstformen sollten durch
„in der Art" oder „im Stil" ersetzt werden. Jeden-
falls hat der Künstler eine große Fähigkeit und
Gewandtheit, sich für seine Zwecke aus den ver-
schiedenen Perioden Motive heraus zu holen und wird
sicher damit vielenüecorateuren einenDienst erweisen.

A. P.

DIE VERSTEIGERUNG DER SAMMLUNG VINCENT.

P. — Die Vermutungen, die wir am Schlüsse
unseres früheren Artikels über den Ausgang der
Versteigerung Vincent geäußert haben, sind durch
den Erfolg in vollem Umfang bestätigt worden. Von
allen Seiten waren Kauflustige herbeigekommen und
wer nicht selber kommen konnte, der hatte wenig-
stens Aufträge erteilt. Gerüchte über fabelhafte
Aufträge liefen während der Besichtigungstage um-
her oder wurden verbreitet und fanden willig Glauben.

Es war bekannt, dass die Schweizer Eidgenossen-
schaft für das neu zu begründende Landesmuseum
in Zürich größere Aukäufe machen werde: eine sehr
bedeutende Summe stand den Delegirten zur Ver-
fügung; aber auch die Museen der kleineren und
kleinsten Schweizer Städte — und welche hätte kein
Museum! — wollten das Ihrige wieder haben und so
war ein Wettstreit und Preistreiberei unausbleiblich.
Doch waren die Schweizer gut organisirt: kein
Schweizer Museum bot, wenn ein anderes am Bieten
war. Auch darf sich die Schweiz bei den übrigen
Teilnehmern bedanken; denn es wurde dem Landes-
museum manches Stück überlassen, eben weil es für das
Landesmuseum war. So sind denn die für die Schweiz
Interessanten und wertvollen Scheiben nicht über
den Bodensee — wie ich am Ende des ersten Arti-
kels in mangelhafter geographischer Kenntnis schrieb
— wohl aber in die Schweiz zurückgekehrt was ganz
erfreulich ist. Weniger Rücksicht nahm ein Schweizer
Patriot, der sein Landesmuseum in rücksichtsloser
Weise trieb selbst auf die Gefahr hin, Narrenpreise
zu zahlen und ausgelacht zu werden.

Freilich musste es schon toll kommen, wenn
man in Konstanz von Narrenpreisen redete: denn
alle guten Stücke wurden überhaupt schon über Ge-
bühr bezahlt — auch bei den Porzellanen und an-
deren Gegenständen der Kleinkunst — durchweg
aber bei den Scheiben. Der Marktpreis derselben
wie er im Kunsthandel namentlich der Schweiz sich
im Laufe der letzten Jahre festgestellt hatte, wurde
fast immer um die Hälfte oder das Doppelte über-
schritten: die schönen Standesscheiben mit Lands-
knechten oder Wappen, die bisher 3000 Frs. im
Durchschnitt kosteten, gingen zu 4500 bis 5000 Mk.
weg. Zeichneten sie sich nun durch etwas bessere
Qualität aus, dann stiegen sie fast aufs Doppelte.
Die Scheibenfolge aus Kloster Dänikon, die leider
vereinzelt wurde, zeigten sich bei näherer Betrach-
tung nicht als das Höchste der Schweizer Kunst,
gingen aber zu hohen Preisen meist nach Zürich.
Alles was Wappen hieß, wurde gut bezahlt: Kantone,
Städte und Familien wetteiferten, die Zeugen ihrer
alten Herrlichkeit zurückzuerobern. Niedriger im
Preise hielten sich die kirchlichen Scheiben zum Teil
niederdeutscher Herkunft, die wohl größtenteils in
Museen gelangten: kleine Grisaillen, die in Köln
noch öfter vorkommen, wurden jedoch hoch be-
zahlt. Man hatte bei der Auktion das Gefühl: hier
ist | zum letztenmal Gelegenheit geboten, gute
Schweizer Malereien zu erwerben und da sucht jeder,
der dazu in der Lage ist, zu bekommen, was er
kriegt. Ob sich diese horrenden Preise im Handel
halten werden, möchten wir bezweifeln. Die guten
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