Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 3.1892

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1. Gestickte Borte eines Leinentuches. Entwurf von Tu. Pk Ufer, Berlin.

MODERNE KIRCHENSTOFFE UND STICKEREIEN.

Von MAX HEIDEN.

MIT ABBILDUNGEN.

I.

IT einer Vorführung von Bei-
spielen der Crefeider Seiden-
und Sammetmuster, welche
nach älteren Stoffen für
die Ausstattung der katholi-
schen Kirchen und auch für
Repräsentationsräume ge-
webt werden, war in der
letzten Hälfte des Monats März d. J. im Kunstge-
werbemuseum zu Berlin eine Ausstellung von
Stickereien der evangelischen Kirche verbunden.
Gestickte Kirchengewänder waren auch der Cre-
felder Sendung beigefügt, insoweit die aus dortigen
Fabriken stammenden Grundstoffe derselben damit
zusammenhingen.

Die Bedeutung einer solchen Ausstellung ist
nicht zu verkennen. Über die Verzierung kirchlicher
Gebrauchsstücke älterer Zeit ist man unterrichtet
durch Museen und Sonderausstellungen kunsthistori-
schen Inhaltes. Anknüpfend daran sind in gedruckten
Vorlagen Hunderte von kirchlichen Mustern durch
das profane Leben gegangen. Wie so manche weiß
gestickte Borte des Kelchtuches hat z. B. unter Weg-
lassung des Psalmverses und mit Zuhilfenahme
einiger Farben als Rand eines Fenstervorhanges oder
dergleichen Verwendung finden müssen! Die alten
Klosterwerkstätten haben unsere modernen rührigen
kunstgewerblichen Bewegungen mit ihren Vorlagen
niemals im Stich gelassen.

Ein solcher Vergleich mit der alten Zeit ist
gerade hierbei nicht unnütz. Wie würde denn heut

Kunstgewerbeblatt. N. F. III.

die Antwort lauten, wenn wir auf eine Überführung
der Muster unserer Kirchenwerkstätten in das Haus
zu sprechen kämen? Bis zum entgegengesetzten
Weg hat sich die Sache verändert.

Und mit solchen Gedanken will und soll schließ-
lich die Arbeit der heutigen Paramentenvereine wieder
einsetzen, auf deren Unterstützung diese Ausstellung
namentlich angewiesen war.

Dem evangelischen Kultus fehlten überhaupt
bis vor kurzem derartige Werkstätten, die gemein-
sam einem bestimmten Ziele ihre Aufmerksamkeit
zuwenden: zum ersten Male kamen ihre Arbeiten
hier als Gruppe in Betracht. Aber noch auffallender
ist es, dass bis zum heutigen Tage das zeichnerische
Können für protestantische Zwecke so gut wie gar
nicht erweitert worden ist. Wenn sich im mittleren
und nördlichen Deutschland Paramentenvereine für
die Ausschmückung ihrer Kirchen gebildet haben,
so sind sie auf sich allein angewiesen. Nur wenige
Architekten und Maler haben sich bisher mit Ent-
würfen für den textilen Schmuck der evangelischen
Kirchen befasst. Kein Wunder daher, wenn diesem
Teile der Berliner Ausstellung etwas Schablonen-
haftes anhing.

Einen konfessionellen Charakter müssen Kunst-
formen im Kirchendienst tragen; aber dennoch bleibt
die Art der Einfügung eines Symboles, seine Um-
gebung und die ganze Ausführung auf dem jeweilig
gegebenen Farbengrunde der Eingebung des ent-
werfenden Künstlers überlassen.

Der evangelischen Stätte der Andacht ist ohnehin

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