Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 3.1892

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DER BECHER VON VEERE.

Tiergestalten überragte er weit den Jagdteppich.
Sein Ornament ist typisch für den persischen Luxus-
teppich zur Blütezeit der Sefevidendynastie, um das
Jahr 1600. Eine freiere Art persischer Musterung
zeigte ein Teppich des Handelsmuseums mit natura-
listisch gruppirten aufsteigenden Bäumen nnd Blumen,
mit Vögeln besetzt. Gleichwertig in seiner Art war
ein marokkanischer Seidenteppich aus kaiserlichem
Besitz, mit feinen Arabesken in grün und rot, wohl
das schönste Exemplar dieser Gattung, das noch
existirt.

Es ist erfreulich, dass wie schon die keramische
Ausstellung des Handelsmuseums, so auch diese ein
dauerndes Andenken hinterlassen wird. Das Handels-
museum hat bereits eine große Publikation begonnen,
die auf 150 Tafeln eine Auswahl des Besten, begleitet
von fachmännischen Monographien über die ein-
zelnen Industrien enthalten soll. Nach den dafür
gewonnenen Kräften und dem zur Verfügung stehen-
den Material zu schließen, wird diese Publikation das
bisher noch fehlende Hauptwerk über alte und neue
orientalische Teppiche werden.

DER BECHER VON VEERE VOM JAHRE 1546.

VON JULIUS LESSING.
MIT ABBILDUNG,

HR öffentliche Besitzstand
Hollands an altem Silber-
gerät ist leidlich gut be-
kannt. Die Ausstellung von
Altertümern, Amsterdam
1873, noch mehr aber die
Silberausstellung in Amster-
dam 1 880 haben das meiste
des erhaltenen Materials zu Tage gefördert, die
betreffenden Publikationen haben die Hauptstücke
festgehalten, das bekannte Werk von Ewerbeck und
Neumeister über die Renaissanse in Holland hat
auch die Werke der Silberschmiede berücksichtigt.
In den Ausstellungen war es sehr auffallend,
wie gering der Vorrat nicht nur an Werken des
Mittelalters, sondern auch an Werken des sechs-
zehnten Jahrhunderts ist. Die spanischen Kriege
am Schlüsse des Jahrhunderts haben alles aufgezehrt,
und erst im 17. Jahrhundert wurde Holland stark
und reich genug, neue Schätze hervorzubringen und
auch festzuhalten.

Aber gerade die niederländischen Werke des
16. Jahrhunderts haben für uns eine hervorragende
Bedeutung. Der Einfluss der Niederlande auf deutsche
Kunst war auch in jener Zeit erheblich, auf Nord-
deutschland, besonders die Seeküsten war dieser Ein-
fluss vielleicht größer als der von Süddeutschland.
Innerhalb der Holzschnitzerei, wie sie in Holstein
und einem großen Teile Norddeutschlands geübt
wurde, ist dieses Verhältnis ohne weiteres erkenn-

Kunstgewerbeblatt. N. F. in.

bar, in der Metallarbeit werden wir die Spuren
schwerer verfolgen können und werden um so
mehr genötigt sein, jedes datirbare Stück genau
zu beachten.

Zu den in Holland am meisten gerühmten Ar-
beiten des 16. Jahrhunderts gehört der Becher von
Veere, einer Stadt, die von ihrer einstigen hohen
Blüte außer dem Turm des Rathauses und diesem
Becher kaum noch etwas gerettet hat. Trotzdem
besitzt die völlig verarmte Gemeinde den erfreulichen
Stolz, diesen Becher nicht zu verkaufen, obgleich ihr
1867 bei der Ausstellung des Stückes in Paris dia
stattliche Summe von 100 000 Frank geboten wurde.
1873 erschien der Becher auf der Ausstellung in
Amsterdam und figurirt in dem Catalogue raisonne
von Havard*) als ,une des plus helles qu'on puisse
voir' die auf S. 22 beigefügte Radirnng giebt jedoch
mehr eine malerische Gesamtansicht als ein ge-
naues Bild.

Auf der Amsterdamer Ausstellung von 1880 ist
der Becher nicht gewesen, so dass ich ihn nicht
gesehen habe und im wesentlichen auf die flotte
aber doch etwas skizzenhafte Darstellung angewiesen
war, welche Ewerbeck giebt (Bd. IV Hft. 27 Bl. 3),
der das Stück für eine deutsche Arbeit ansieht.

Dieser Becher ist aber bereits im vorigen
Jahrhundert -mit allen zugehörigen Aktenstücken

*) Henry Havard. Objects d'art et de curiosite tires des
grandes colleetions Hollandaises, exposes ä Amsterdam 1873.
Haarlem 1873.
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