Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 3.1892

Page: 60
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstgewerbeblatt1892/0077
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
60

ZWEI FÄLSCHUNGEN.

Budapest 1884 auf der mit einer Eichel be-
zeichneten Tafel abgebildet und auf S. 95/96 be-
schrieben.

Die Perlmutterplättchen am Corpus und die
Renaissanceornamente am Fuße der Dresdener Kanne
sind an dem Pester Stück durch Buckeln ersetzt.
Deckel, Henkel und Ausguss sind an beiden Stücken
im wesentlichen gleich, doch möchte ich hier ge-
rade auf zwei kleine Ab-
weichungen aufmerksam
machen. Der Ausguss an
dem Stücke des Grünen
Gewölbes benützt die von
der antiken Kunst über-
lieferte Gestalt des Del-
phins, während die Kanne
in Pest einen Greifenkopf
zeigt. Auch in dem Hen-
kel der Dresdener Kanne
erkennen wir den Delphin,
während der Henkel an
dem Pester Stücke oben
in eine Bildung ausläuft,
deren ornamentales Motiv
schwer zu erkennen ist.
Ich konstatire diese Unter-
schiede, ohne eine Kritik
auf dieselben aufzubauen,
obgleich ich persönlich in
beiden ein Zeugnis dafür
erblicke, dass der Nach-
ahmer die Zierformen sei-
nes Vorbildes missverstan-
den hat. Die Budapester
Kanne zeigt am Fuße bei
den Buckeln Motive einer
Dekoration, welche man
allerfrühestens in den Be-
ginn des 17. Jahrhunderts
setzen kann. Wie soll deren

Auftreten an einer Arbeit erklärt werden, welche
nach den Herausgebern „Style du 16. siecle" ist?
Vielleicht ist der Fuß eine spätere Zuthat? Ich
glaube es nicht, und überlasse diese Annahme den-
jenigen, welche Grund haben könnten, die Echtheit
der Kanne zu verteidigen. Mir erscheint sie in allen
ihren Teilen verdächtig, und ich habe dafür auch
noch technische Gründe, nach welchen ich im Jahre
1884 eine Bemerkung über die Unechtheit des
Stückes in meine Notizen eintrug. Mein Gedächt-
nis reicht nicht aus, um auch diese Gründe hier

vorzuführen, es mag daher ein mehr äußerlicher da-
für hingenommen werden. Das Stück ist nämlich

mit zwei Marken

versehen, von wel-

Cocosnussbecher mit vergoldeter Montirung.
Ausstellung in Budapest 1884.

chen die eine die Initialen C N erkennen lässt. Das
ist eine mir längst bekannte Fälschermarke, deren
Heimat ich leider noch nicht feststellen konnte, die
ich aber glaube, nach Österreich oder Ungarn wei-
sen zu müssen. Es würde
uns sehr weit abführen,
wollten wir hier den Nach-
weis versuchen, dass diese
Marke nur auf modernen
Fälschungen vorkommt,
aber ich hoffe, ihn einmal
zu geben, wenn ich eine
Übersicht der falschen
Marken besonders zusam-
menstelle. Interessant ist
es noch, dass wir mit Hilfe
derselben Marke ein an-
deres Stück der Pester
Ausstellung, welches in
Chefs-d'oeuvre d'orfevrerie
ä l'exposition de Budapest
1884 auf der mit einem
zweiarmigen Leuchter be-
zeichneten Tafel abgebildet
und S. 67/68 beschrieben
ist, als falsch ausscheiden
können, obgleich es diese
Marken gar nicht trägt.
Diese reizende als heraldi-
scher Adler gefassteKokos-
nuss hat etwas so Bestrik-
kendes, dass ich gewiss
bin, nur wenige für meine
Überzeugung, dass sie
eine moderne Fälschung
ist, gewinnen zu können.
Hat sich doch selbst Bucher, der als Verfasser einer
Geschichte der Goldschmiedekunst so viel gesehen
und geprüft hat, durch die Erscheinung, welche ihm
das Stück in der Vitrine darbot, verführen lassen.
Zunächst ist zu bemerken, dass sich in Privatbesitz
in St. Petersburg ein fast identisches Stück mit

diesen Marken

befindet. Die eine der-

selben ist identisch mit der einzigen deutlich er-
kennbaren auf der oben besprochenen Kanne, die
wir für falsch erklären möchten, und wir hätten
loading ...