Kunstwart und Kulturwart — 27,3.1914

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Seiten ist es nie gekornrnen, der Tod hat den Feldherrn abberufen, ehe
seine Mörser speien durften. Darauf nun kam aus der Stadt ein Bürger,
betrachtete dieses Coriolans Geschütz und fand es von veraltetem System.
Er betrachtete seinen Angriffplan und fand, daß in zehn Büchern, die
er gelesen hatte, Lheoretisch richtigere Angriffpläne standen. Betrachtete
das Leben des vergeblichen Belagerers und fand, daß es vernünftiger und
sinnvoller sei, in der Stadt und nicht vor ihren Mauern seine Tage
zuzubringen. Fand dies alles, ging hin und schrieb sein Buch: Der
falsche Feldherr.

Einige fanden sich aber auch, welche dieses Feldherrn Pläne durch»
forschten und sich an kühnen Anlagen und dem genialen Wurf des Ganzen
freuten, Einige fanden, daß er über das Wesen der SLadt viel Richtiges
und Bedeutsames erkundet hatte, neben manchem Fehlgrifst den sie ver«
standen, da er ja Feind und Außenseiter gewesen war; Einige fanden endlich,
daß er wieder einmal eins jener seltenen Beispiele gegeben hatte von
tzeldensinn und Heldenwollen und errichteten ihm Denkmäler und priesen
ihn der Iugend. Denn sie liebten die SLadt nicht so sehr, daß seine
Gegnerschaft gegen sie ihnen dies verboten hätte.

Mit alledem soll nicht Nietzsches Bedeutung nach allen Seiten hin
abgewogen sein. Dazu bedürfte es eines Buches von größerem Rmfang
als des Ernstschen. Es soll aber die Möglichkeit gewiesen sein, zu Nietzsche
positiv zu stehen, auch wenn man von seinen Lrkenntnissen wenige innerlrch
annimmt. Und ferner soll gezeigt sein, daß Metzsche es Otto Ernsten leicht
gemacht hat, so gegen ihn vorzugehen, wie er es Lat. Sehr leicht, denn
wer relative Wahrheiten kündet, wer alles, was er spricht, nur mit Bezug
auf vorhandene Setzungen und Tatsachen meint wie Metzsche, der ist
ein falscher Prophet, wenn man vom wahren Propheten grundsätzlich ver-
langt, daß er nur abstrakt richtige Wahrheiten ausspreche und wahrhafte
Abstraktionen. Wer Metzsche als lebendiges Wesen und als geistige Not-
wendigkeit betrachtet, dem ist es gleichgültig, ob Ernst „Recht hat" oder nicht,
denn wenn er Recht hat, liegt dies Recht drei Stockwerk tiefer als dort,
wo Nietzsche trotz Otto Ernst doch noch Recht haben kann.

Wolfgang Schumann

(Schluß folgt)

Die Zusammenhänge zwischen Kunst und Technik*

elbst beim Rückblick auf die hervorleuchtenden Epochen der Geschichte
^^müssen die Ergebnisse menschlichen Gestaltungsdranges auch unserer
^^Zeit standhalten. Es darf anerkannt werden, daß sie nicht hinter
denen anderer Zeiten zurückstehen, wenn auch ihre Eigenschaften von anderer
Art sind. Die imposantesten Außerungen unseres Könnens sind die Re--
sultate der modernen Technik. Die Fortschritte der Technik haben eine tzöhe
des materiellen Lebens geschaffen, wie sie so hoch in der Geschichte bisher

^ Wir entnehmen diesen Aufsatz den „Dokumenten des Fortschritts", die bei
Georg Reimer in Berlin erscheinen, einer Zeitschrift, die der internationalen
Organisation aller fortschrittlichen Bewegungen dienen will. Diesen Aufsatz
möchten wir deshalb unsern Lesern weitergeben, weil es uns besonders wertvoll
erscheint, die grundsätzlichen Anschauungen eines Mannes über das Gebiet zu
kennen, auf dem er selbst durch seine künstlerische Arbeit die Entwicklung in
der fruchtbarsten Weise gefördert hat.

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