Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 5.1931

Seite: 84
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DER MENSCH IM KRANKENHAUS Von Dr. med. Otto E. Guttentag, Frankfurt - M.

Die Hauptaufgabe des Krankenhaufes im Mittelalter für die Allgemeinheit,
Schutj vor anfteckenden Erkrankungen, ift gelöft. Die Gefahr der Übertragung
ift durch die Ifolierftationen befeitigt; jeder kennt diefe Stationen, jeder re-
fpektiert die Anordnungen, die auf ihnen herrfchen. Aber immer wieder neu
und immer wieder anders ift die Aufgabe, dem kranken Menfchen zu helfen.
Einmal, weil mit dem fortfchreitenden Grade der Erkenntnis und dem Be-
mühen, möglichft früh die Krankheit zu erkennen, die Unterfuchungsmethoden
immer komplizierter werden, zum andern, weil jeder Menfch etwas Befonde-
res, Individuelles ift. Daraus ergeben fich, befonders heute, für den Aufbau
des Krankenhaufes zwei Probleme, die im Folgenden kurz erörtert werden
follen. Alle übrigen wirtfchaftlichen (man denke z. B. nur an die Wäfchefrage)
follen hier ausfchalten. Und nur zuvor fei noch der Aufbau der ärztlichen Or-
ganifation gefchilderf. Denn dem einzelnen Kranken verkörpern fich die Pro-
bleme, die wir hier erörtern wollen, nämlich das der Spezialifierung und das
der Individualifierung, in feinem Krankenhausarzt. Der fälltfür ihn dieEntfchei-
dung, ob er fich mühfeligen und befchwerlichen Unterfuchungen unterziehen
mufj oder nicht, dem ift er überantwortet, einem ihm, dem Kranken, bis zu
feinem Eintritt ins Krankenhaus ftockfremden Menfchen, und mit Recht fragt
der Patient als erftes: Welche Gewißheit habe ich, darj diefer fremde Herr
über meinen Leib das Befte für mich tut.

Die ärztliche Organifation, der Aufbau der ärztlichen Krankenverforgung
hat das Ziel 1. jeden neu aufgenommenen Kranken möglichft rafch an die
oberfte, erfahrende Inftanz zu bringen —fei es, dafj fie den Heilplan feftfety
oder bei Aufgaben befonderer manueller Gefchicklichkeit das Recht des
operativen Eingriffs für fich in Anfpruch nimmt — , 2. einen ärztlichen Berater
zu fchaffen, dem fich der Patient reftlos anvertrauen kann, der die Aufteilung
und Durchführung des Heilplans übernimmt und andererfeits dem Leiter für
alle Anordnungen verantworlich ift und ihn über den Ablauf der Erkrankun-
gen auf dem laufenden hält. Die Mittel diefer Organifation find — in Einzel-
heiten natürlich unterfchiedlich, im allgemeinen überall gleich — : die Auf-

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