Zeitschrift für christliche Kunst — 17.1904

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1904. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 4.

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Stande .... freilich in den Hintergrund und
es wird zur Erklärung des Wunders auf dem
Gebiete des christlichen Lebens gerade nur
auf das Wunderbare hingewiesen, welches die
Sage an die Erscheinungen des Tierlebens
knüpfte." Heider führt als Beispiele hierfür ein
„Defensorium beatae virginis" in der Gothaer
Bibliothek und die Darstellungen im Kreuz-
gange zu Brixen an.

Die Darstellungen zu Brixen, welche
Heider speziell im Auge hatte, finden sich,
wenn wir der Zählweise Walcheggers H) folgen,
in den Gewölbezwickeln der siebenten Arkade
des Domkreuzganges. Als der wichtigsten
und umfassendsten Serie der hier einschlägigen
symbolischen Darstellungen geben wir von den
Brixener Bildern hier eine vollständige, wenn
auch knappe Beschreibung. Im ganzen liegen
zwölf Gleichnisse vor, von denen die meisten
den Physiologus als Quelle erkennen lassen.
Der Löwe mit den Jungen, der sich opfernde
Pelikan, der der Asche entsteigende Phönix
sind uns schon bekannt. Als weitere Bilder
erscheinen der Straufs, der seine Eier von der
Sonne ausbrüten läfst;15) der Vogel Kaiader
oder Kalander, der mit seinen Augen die
Krankheit eines Menschen in sich aufzunehmen
und dadurch Heilung zu bringen vermag;16)
Vögel (Carbas), welche aus Früchten entstehen,
die von Bäumen ins Wasser gefallen sind; eine
Bärin, die ihren formlos zur Welt gebrachten
Jungen durch Lecken die richtige Gestalt gibt;17)
femer Vögel (Charista), die (im Alter) durch
Flammen fliegen, ohne zu verbrennen, und
hierdurch verjüngt werden18); ein Pferd, das
vom Morgenwinde begattet wird.

Diesen dem Physiologus entlehnten Bildern
schliefsen sich drei weitere an. Eine Frau
mit neugeborenen Zwillingen, welche Türen
durch einfache Berührung zu öffnen vermögen.
Der Stoff ist der Abhandlung des Albertus
Magnus „de motibus animalium" entnommen.
Eine weitere Szene beruht auf Plinius, nachdem
die Vestalin Tuccia zum Beweise ihrer Jung-
frauschaft Wasser in einem Siebe trug. Das
letzte Bild stellt dar, wie die Vestalin Claudia
zu gleichem Zwecke ein am Tiberstrande auf-

u) Walchegger, »Der Kreuzgang am Dom zu
Brixen«, (1895), S. 63.

u) Pfeifer a. a. O. S. 222.
le) Ebenda S. 173.
") Ebenda S. 162.
ls) Ebenda S. 174.

gefahrenes Schiff mit ihrem Gürtel wieder flott
machte. Die den Bildern beigefügten Inschriften
besagen nun stets das Gleiche: „Wenn in der
Geschichte des Menschen und der ihn um-
gebenden Natur ein neues Leben entstehen
kann aufserhalb des gewöhnlichen Ganges
der Natur, oder wenn in einzelnen Fällen
die gewöhnlichen Naturkräfte als aufgehoben
betrachtet werden können, warum sollte es
Gott, der Herr alles Geschaffenen, nicht zu-
lassen, dafs bei seiner Auserwählten auf wunder-
bare Weise durch göttliche Einwirkung ein
neues Leben entstehe aufserhalb der gewöhn-
lichen Ordnung."19) Wenn Gott so Wunder-
bares zuläfst, wie uns diese Bilder schildern,
warum sollte dann nicht eine Jungfrau Gottes
Sohn gebären können.20) Wir sehen also die
ursprüngliche Deutung der bekannteren Bilder
aus dem Physiologus, Löwe, Pelikan, Phönix,
hier völlig preisgegeben; die Wunderbarlich-
keiten der Erzählungen müssen einem gänz-
lich neuen Zwecke dienen, der Lehre von der
jungfräulichen Mutterschaft Maria. Die an-
gezogenen Vergleiche mögen unserem Denken
oft fremd und absurd dünken, dafs aber
manches „fast unpassend, ja, sogar unanständig"
erscheinen soll,21) kann ich schlechterdings
nicht einsehen. An der Hauptwand dieses
Kreuzgangjoches sehen wir im Schildbogen
ein Vesperbild gemalt und links von dem-
selben den Stifter, den St. Katharina der
Mutter Gottes empfiehlt. Unter diesem Bilde

I9) Walchegger a. a. O. S. 65.
") Die Beischriften der einzelnen Bilder sind bei
Walchegger a. a. O. S. 112 wiedergegeben. Ich
zitiere die Beischriften jener Darstellungen, welchen wir
noch öfter begegnen werden, nach diesem, jedoch mit
einigen Berichtigungen :

/. Leo si rugitu proles suscitare valet
Cur vitam a spiritu virgo non generaret.

2. Si oua strutionis sol c.xaibarc valel
Cur veri solis opere virgo non gencraret.

3. Pellicanus si sangwine aniniare fclus claret
Cur xpm (Christum) furo ex sangwine virgo non

generaret.

4. Fenix si in igne se renovare valet
Cur maier Dci tiigne virgo non gencraret.

5. C'rsa si fetus ort rmies (forma)rc valet
Cur gabrielis ore virgo non generaret.

Die bei der Darstellung des Pferdes fehlende In-
schrift könnte etwa nach einer noch zu erwähnenden
Handschrift (cod. lat. 18077 der Münchener Hof-
und Staatsbibliothek) ergänzt werden, wie folgt: Si
ei/ua capadocic vento feta claret — Cur iliuino ßamitic
virgo non generaret.

-') Walchegger a. a. O. S. 63.
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