Zeitschrift für christliche Kunst — 21.1908

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1908. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 1.

Die Stadtpfarrkirche zu Haslach in Kinzigtal (Baden).

(Mit 5 Abbildungen.)

mgeben von beträchtlichen, mit
duftenden Tannen üppig bewach-
senen Bergen, abwechselnd mit
saftig grünen Wiesen, liegt eines
der anmutigsten Schwarzwaldstädtchen, in wel-
chem der bekannte und beliebte Volksschrift-
steller Dr. Hansjakob das Licht der Welt er-
blickte und seine Jugendjahre verlebte. Die
Ansiedelung im Mittelalter scheint gering ge-
wesen zu sein, denn der alte,.aus der 2. Hälfte
des XV. Jahrh. (1480) noch erhaltene Kirch-
turm bildet einen Bestandteil eines recht kleinen
Gotteshauses, dessen übrigen Teile am Ende
des XVIII. Jahrh. einem geräumigen Schiffe

In dieser glücklichen Lage befinden sich
heute unsere ausführenden Architekten nicht
mehr. Zwar besitzt unsere Zeit eine lebhafte
Strömung in der bildenden Kunst; deren
Schwerpunkt liegt aber nicht, wie bei früheren
Stilentwickelungen, im durchweg geschlossenen
und einheitlichen Ausdruck der Formen, sondern
mehr in demjenigen der Empfindung einzelner
Künstler. Wenn auch einige Kunstgelehrte in
neuerer Zeit behaupten, mit dem neuen Stil
nun so weit zu sein, daß bei Vergrößerungen
und Wiederherstellungen die vorhandenen
alten Formen unberücksichtigt bleiben könnten,
so treten doch dem in der Praxis Stehenden

Grimdrü's zur Erweiterung der aiadtpfarrkirche in Haslach i. K.

Platz machen mußten. Wie alle geschichtlich
wichtigen Stilzeiten, unbekümmert um den Ge-
schmack ihrer Vorfahren, in ihrer nun einmal
für richtig gehaltenen Formensprache arbeiteten,
so geschah es auch hier; und dem unbe-
kannten Baumeister des neuen Renaissance-
anbaues fiel es nicht ein, seine bauliche Zutat
der Gotik des Turmes anzupassen. Er fühlte
sich mit seinen Zeitgenossen über den alten
Stil erhaben, aber auch mit denselben einig
genug, um die voraufgehenden Stilformen als
abgetane Sache betrachten zu können, bewies
indessen durch seine sieghafte Durchführung,
besonders der inneren dekorativen und monu-
mentalen Ausstattung seines Werkes, daß er
zu obiger Überhebung eine gewisse Berech-
tigung hatte.

Bedenken über die Richtigkeit solcher Be-
hauptungen auf. Die neuen Stilbestrebungen
haben offenbar Fortschritte zu verzeichnen,
doch unterscheiden sie sich, wie oben schon
angedeutet, von den früheren Entwickelungen
dadurch deutlich, dass sie sich nicht einheitlich
wie bei den letzteren, an eine Überlieferung an-
schließen, sondern verschiedene Anknüpfungs-
punkte suchen, für die, je nach Neigung des
Architekten, bald die byzantinischen, roma-
nischen oder gotischen Stilformen, oder auch
Barock als richtig gelten. So lange eine be-
stimmte Einheit nicht besteht, also kein klar
ausgesprochener Ausdruck des Zeitgeschmackes
vorhanden ist, wird insbesondere der Kirchen-
baumeister, der zugleich auch Konservator
sein soll, gut daran tun, an den bewährten
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