Zeitschrift für christliche Kunst — 21.1908

Page: 197-198
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1908. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 7-

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Der neue Stil.

eber den neuen Stil hat sich schon
manch einer den Kopf zerbrochen.
Eine ganze Anzahl haben es jetzt
auch versucht, einen solchen zu
schaffen. Ist aber ein neuer Stil entstanden?
oder doch wenigstens in Aussicht? — Kaum.
Die meisten versuchen es schon wieder mit
einem historischen Stil, mit den Zeichenweisen
vor und nach 1800. — Eigentlich müsste man
an der Fähigkeit unserer Zeit, etwas neues, ihr
eigentümliches, hervorzubringen, verzweifeln.

Warum gelingt es wohl nicht?

Warum gelang den Alchemisten nicht das
Goldmachen?

Warum wollten die Epizyklen so und so
vielter Ordnung den Astrologen nicht helfen?

Weil man auf dem falschen Wege war,
weil auch die Mittel irrig waren, um ans Ziel
zu gelangen, und weil selbst das Ziel falsch
war, nach welchem man strebte.

In dieser Lage der Alchemisten und Astro-
logen befinden sich die „modernen" Archi-
tekten. Nicht durch Zusammengießen aller
möglichen und unmöglichen Dinge — sie
nahmen Rattenzähne, Kröteneingeweide, den
Saft verfluchten Bilsenkrauts und ähnliche
Hexendinge, es wollte sich aber zu keinem
Goldklumpen verdichten — und nicht durch
die Verwendung der unglaublichsten Kurven
ließen sich die majestätischen Bahnen der
Gestirne enträtseln, erst als man den Tat-
sachen mit kühlem Verstände ins Auge sah,
gelang es, die Riesenerfolge der Chemie und
Astronomie zu schaffen.

Besehen wir uns daher auch einmal mit
sichtendem Blick die Tatsachen.

Vor 30, 40 Jahren glaubte man, aus der
Verwendung von Eisen würde ein neuer Stil
entstehen. Man gab sich weidlich Mühe, aber
es gelang nicht. Konnte ein neuer Stil daraus
erzeugt werden ? Nein. Aus einem besonderen
Material ist nie ein neuer Stil entstanden.
Wir kennen Holzbauten zur Zeit der Gotik
und zur Zeit der Renaissance. Der gebrannte
Ton hat Bauten aus allen Stilen hinterlassen.
Aber weder das Holz noch der Ton hat einen
besonderen Stil geschaffen; in jedem Stil ist
nur eine besondere Abart durch die ver-
schiedenen Materialien hervorgebracht worden.
So verhält es sich mit dem Werkstein, so mit
dem Putz. Auf dem Wege über das Eisen

gelangt man also nicht zu einem neuen Stil.
Das ist schon viel wert, wenn man sich dar-
über klar geworden ist.

Kommt man zu einem neuen Stil durch
Willkür? Anscheinend doch nicht, das hat
das letzte Jahrzehnt erwiesen.

Sind die früheren Stile nur an den Gottes-
häusern entstanden? Das mag zutreffen für
die ägyptische Kunst, für die der Griechen;
so hat sich wohl der romanische und gotische
Stil zur Hauptsache herausgebildet. Aber
schon die kennzeichnenden Eigenschaften der
römischen Baukunst dürften nicht an ihren
Tempeln entstanden sein. Ebensowenig ist
die italienische Renaissance durch die Kirchen-
bauten geschaffen worden. Noch weniger die
französische und die deutsche Renaissance,
und alles, was auf diese gefolgt ist. Höchstens
macht das Barock eine Ausnahme. Wenn
also die Kirchenbauten heutzutage nicht die
Führung haben, eine neue Bauweise kann
sich dennoch bilden.

Sind die früheren Stile „organisch" aus-
einander entstanden ? Wie eine Pflanze von
selbst gewachsen? Haben sie sich einer aus
dem anderen „naturnotwendig" entwickelt?
Hat man es nur nötig, dort, wo die Ent-
wicklung „unterbrochen" worden ist, nämlich
um 1800, wieder anzuknüpfen, um den Stil
wieder von selbst wachsen zu lassen ?

Auch alle diese Ansichten, wie die Stil-
entwicklung vor sich gegangen sein soll, sind
nicht stichhaltig.

Nach 1800 ist die Entwicklung keineswegs
unterbrochen worden. Bei uns hat Schinkel
das Empire mehr nach dem Griechischen hin-
übergezogen; sonst ist er die Blüte des Empire,
aber keine Unterbrechung. Als die Baumeister
der italienischen Renaissance ihre gotischen
Paläste mit antiken Einzelheiten bekleideten,
haben sie die Stilentwicklung in viel heftigerer
Weise „unterbrochen", als das Schinkel getan
hat, da er die mehr römischen Einzelteile
durch griechische Verhältnisse ersetzte. Eher
sollte man meinen, dort bei Schinkel wäre
wieder anzuknüpfen. Bis dahin sei eine be-
ständige Entwicklung vorhanden. Aber auch
dann hat noch kein Bruch stattgefunden. Man
wandte sich nur mehr den italienischen Einzel-
heiten zu. Inzwischen war an verschiedenen
Stellen das Mittelalter wieder aufgenommen
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