Zeitschrift für christliche Kunst — 21.1908

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1908.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 10.

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geltend macht. Nicht in Flandern oder Burgund,
auch nicht, wie man neuerdings annehmen
möchte, in England sind die Quellen dieses
Stiles zu suchen, sondern in Deutschland
selber. Vom Romanismus bis zu Adam K rafft
durchzieht die deutsche Plastik als Grund-
element die Vorliebe für das Breite und
Untersetzte im Gegensatz zu dem Schlanken
und Graziösen, das Frankreichs Schöpfungen
eigen ist. So lange die deutschen Künstler
im westlichen Nachbarlande ihre Ausbildung
suchten, wurde dieses nationale Element zurück-
gedrängt. Bald aber, als jene Meister in
Deutschland ihre Schulen begründeten, brach
es sich wieder durch. Anfangs mag der Gegen-
satz naturgemäß und zum Teil bedingt als
bewußte Reaktion in den Figuren des Hoch-
altares allzu schroff zum Ausdruck kommen, in
der Madonna aus St. Ursula aber, aus den
letzten Dezennien des Jahrhunderts, ist durch
den Kompromiß der beiden Stile eine köstliche
Frucht gezeitigt worden. Bei dem Schöpfer
der Pfeilerfiguren und nicht minder bei dem
Urheber des Gestühles merkt man noch ganz
den französischen Geist und man darf beide
Werke daher nicht nach 1340 entstanden sein
lassen.

Eine untere Grenze der Datierung gibt
uns die Behandlung des Laubes. Das für
Köln typische Blatt, das mehrmals gewellt
und gebuckelt, an den Rändern sich umlegt,

findet am Gestühle des Domes seinen letzten
Ausdruck. Die Gestühle in St. Aposteln und
St. Gereon stellen die früheren Entwicklungs-
stufen dar. In St. Gereon ist noch alles vom
reinsten Naturalismus beseelt und dieselbe
Frische der Auffassung begegnet uns an dem
etwa gleichzeitigen Blattwerk, das die Kapitelle
des Domchores ziert. Ganz anders aber ist
das Laub der Konsolen, worauf die Apostel-
figuren ihren Platz haben und das zusammen-
geht mit dem Laub des Gestühles. Dieses ist
wirr und kraus, und der Naturalismus ist hier
durch die Stilisierung vollständig ersetzt.
Nimmt man als Entstehungszeit des Gereoner
Gestühles die Jahre 1315—20 an, so muß
man für die Entwicklung, die das Laubwerk
durcheilt hat, um zu der Form zu gelangen,
die am Domgestühl sich zeigt, mindestens ein
Dezennium ansetzen und daher als unterste
Grenze für die Entstehung dieses Werkes die
Jahre 1325—30 annehmen. Aber es sei aus-
drücklich betont, daß eine solche Vollendung
in der Holzskulptur nur durch die Voraus-
setzung erklärt wird, daß ein Steinbildhauer,
der auf der Stilstufe der Baukunst stand, nicht
der Tischlerei, dieses Werk geschaffen und
seinen Steinstil auf das Holz übertragen hat.
Von der profanen Holzplastik werden die
Formen des Gestühles erst 50 Jahre später
übernommen.

Bonn. Heribert Reiners.

Nachrichten.

Franz Gerhard Cremer f. Am 8. Dezember

1908 starb zu Düsseldorf im Alter von 63 Jahren der
Historienmaler Fr. G. Cremer, der seit 1903 dem Vor-
stande der „Vereinigung zur Förderung der Zeitschrift
für christliche Kunst" als Schriftführer angehörte. —
Für die frommsinnigen Gebilde der mittelalterlichen
Meister von Jugend auf begeistert, widmete er sich an
der Düsseldorfer Akademie, unter der speziellen Leitung
von Andreas Müller, der religiösen Malerei, und
manches Tafelbild, welches den Einfluß der Alten und
seiner neuen Lehrer zeigt, ist von ihm in den un-
mittelbaren Dienst des Allerhöchsten gestellt worden.
— Als die Verwaltung seines väterlichen Vermögens
ihm für die unmittelbare praktische Pflege der religiösen
Kunst nicht mehr Zeit ließ, vertiefte er sich, angesichts
der vielen modernen Mißerfolge, in die Geschichte der
Maltechniken. Seine gründlichen Untersuchungen
über die Ölmalerei, die von einer seltenen Vertrautheit
mit der bezüglichen alten und neuen Literatur rühm-
liches Zeugnis ablegen, haben von Seiten der Fachleute
vollkommene Anerkennung gefunden, die sich dauernd

geltend machen wird im Sinne des Reform, voraus-
gesetzt, daß die näheren Anweisungen, bezw. Rezepte,
die der Wiederentdecker, durch mancherlei üble Erfah-
rungen mißstimmt, mit einem gewissen Schleier zu
umgeben sich bewogen fand, jetzt, nach seinem Heim-
gange, zur öffentlichen Kcnnmis gebracht werden. — Bei
der Begeisterung, die den idealgerichteten Künstler
für die erhabenen Ziele der bildenden Kunst beseelte,
bei dem Abscheu, der ihn für deren neuesten Ver-
irrungen und Verwirrungen erfüllte, hat er in den
letzten Jahren, mit Vorliebe durch den Murd der ihm
überaus geläufigen Dichter, des öfteren seine mahnende
und warnende Stimme erhoben: in unserer Zeitschrift,
in der Tagespresse, zuletzt in den „Beiträgen zur
Beurteilung antiker und moderner Kunst-
bestrebungen unter besonderer Berücksichtigung der
Darstellung des Nackten", die, (so eben im „Verlag
vom Du. seldorfer Tageblatt" erschienen), in dankbarer
Erinnerung, als höchst zeilgemäßer Ruf, ihm auf das
frische Grab gelegt werden konnten. R. 1. P.!

Schnlitgen.
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