Zeitschrift für christliche Kunst — 21.1908

Page: 257-258
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facsimile
Abhandlungen.

Zehn Elfenbeinreliefs des XIV. und
XV. Jahrhunderts.

Mit 9 Abbildungen (Taf. X.) und
1 Textillustration.

der Unmasse gefälschter
Elfenbeinskulpturen, die seit
mehr als einem halben Jahr-
hundert den Antiquitäten-
markt überschwemmt, zu-
erst wohl den französi-
schen und italienischen,
sodann den deutschen
und
spanischen, mag
eine Reihe kleiner, aber
zuverlässiger Reliefs Be-
achtung verdienen, die zu-
meist dem XIV. Jahrh.,
also der Glanzzeit der
spätmittelalterlichen Klein-
plastik, angehören. — Eine
kurze Beschreibung möge
ergänzen, was die Abbil-
dungen nicht hinreichend
erkennen lassen!

1. Flügel von 45 mm
Breite, 75 mm Höhe, 7 mm
Stärke, vor circa 30 Jahren
aus einer Augsburger Samm-
lung erworben, stellt die
Verkündigung dar, wie der
stehende Engel die eben-
falls stehende Jungfrau be-
grüßt. Auf dem Boden
steht die Vase mit der Lilie,
die Taube schwebt aus dem mittleren der drei
nasenbesetzten Maßwerkbögen herunter, die mit
ihren Wimpergen das Ganze bekrönen. Das
sehr gut erhaltene Relief von hellweißer Tonung
ist auf den Engelsflügeln und dem Lilienstengel
etwas grünlich gefärbt. Haltung und Draperie
sind ungemein graziös, Ausdruck sehr lieblich,
bei der Gottesmutter mit dem für die franzö-
sische Frühgotik so charakteristischen Lächeln.
Die Tiefe und Eleganz des Faltenschnittes
erinnern an die besten Erzeugnisse der franzö-
sischen Plastik aus der Mitte des XIV. Jahrh.

2. R e 1 i e f, 47 mm breit, 65 mm hoch, schon
vor Jahrhunderten in ein glanzvergoldetes

Abb. 10.

Rähmchen gefaßt, 1880 in Neapel gekauft,
zeigt unter einem krabbenbesetzten Bogen die
Gestalt der bekrönten Mutter mit dem tunika-
bekleideten, den Apfel haltenden Kind. Mit
der charakteristisch geknickten Hand reicht
sie dem zu ihrer Rechten knieenden Donator
ein Buch, während die Donatrix auf der anderen
Seite zu ihr die (abgebrochenen) Hände er-
hebt. So anmutig wie hoheitsvoll ist die
Bewegung der etwas breit gehaltenen, überaus-
harmonisch drapierten Gottesmutter, die
weicher, als auf 1. behandelt, den französischen
Elfenbeinstil aus der ersten Hälfte des XIV.
Jahrh. vortrefflich illustriert.
3. Flügel, 52»zwbreit,
77 mm hoch, 6 mm dick,
Kreuzigungsgruppe von
ungemein tiefer Empfin-
dung und sehr sicherem
Schnitt, 1882 in Köln, als
vermutlicher Heimat, er-
worben. Der etwas spitzer
behandelte Bogen mit sei-
nen fünf Maßwerksegmen-
ten und seiner scharf ge-
schnittenen, kühn geform-
ten Kreuzblume nebst
Krabben und vertieften
Dreipässen als Eckverzie-
rungen, knüpfen an ein
französisches Vorbild an,
während die drei Figuren
vollkommne Selbständig-
keit verraten, namentlich
der Gekreuzigte, dessen
Oberkörper die schwächere
Partie der hinsichtlich der Haltung und Durch-
bildung vorzüglichen Gruppe bildet; die Trauer
von Maria und Johannes, zwei in ihrer breiten
Gestaltung den Reliefcharakter trefflich wah-
renden Figuren, kommt in den gebeugten feinen
Köpfchen und in den zarten Bewegungen er-
greifend zum Ausdruck.

4. Flügel eines Triptychons, 44 »zw breit,
92 mm hoch, nur 4 mm dick, aus Kleve zu-
geschickt, ganz wenig abgegriffen. Die untere
Geburtsszene folgt hinsichtlich der Anordnung
der älteren Tradition, indem die Gottesmutter
liegend dargestellt ist mit dem neben ihr ge-
lagerten, mit der Linken von ihr umfaßten
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