Zeitschrift für christliche Kunst — 21.1908

Page: 353-354
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Abhandlungen.

Drei sitzende Holzmadonnen des
XIV. Jahrh.

(Mit 3 Abbildungen,
Tafel XIV.)

:iner Serie von 14 sitzenden Ma-
donnenfiguren der Hochgotik, die
mit Ausnahme von zwei westfäli-
schen Exemplaren, zwei franzö-
sischen, einem englischen, sämtlich
rheinischen Ursprungs sein dürften,
sind die drei (nach Aufnahme
Stoedtners), hier abgebildeten, zur
Betrachtung entnommen. — Sie
stellen diesen eigenartigen Typus des in der
Regel auf dem linken Knie der Gottesmutter
stehenden tunikabekleideten Jesukindes dar,
welcher als eine Art rheinischer Spezialität für
die zweite Hälfte des XIV. Jahrh. bezeichnet
werden darf. Daß er fast ausschließlich im
Rahmen der Holzplastik zur Ausführung ge-
langte, also nicht im unmittelbaren Zusammen-
hang mit der Steinarchitektur, mag um so mehr
auffallen, als er aus der aufstrebenden Hochgotik
herausgewachsen ist; denn als ihr Produkt er-
scheint der vom Knie der Mutter ganz selb-
ständig, nur durch deren Hand umfaßte, bzw.
gehaltene, in fialenartiger Schlankheit empor-
ragende Knabe. Obwohl in Frankreich ent-
standen, ist dieser Typus dort nur wenig ausge-
führt worden, desto häufiger in den Rheinlanden,
wo in dessen Entwicklung .eine große Mannig-
faltigkeit nachgewiesen werden kann.

1. Obwohl (vor mindestens 25 Jahren) bei
einem Kölner Antiquar gefunden und bisher
allerseits für ein heimisches Erzeugnis gehalten,
wird diese überaus graziöse Gruppe doch als
französisches (oder flandrisches) Juwel zu gelten
haben, nicht nur weil sie aus Eschenholz ge-
schnitzt ist. Bei einer Höhe von 62 cm, bei einer
Breite von 23 cm (zu deren noch je 10 cm für
das Sedile mit dem Stiebepfeilerabschluß hinzu-
kommen) hat sie ihre ursprüngliche Polychromie,
die mit Ausnahme von Karnation, Haar und
Schleier, wie des spärlichen Futterumschlags
ganz in Glanzgold besteht, ziemlich gut be-
wahrt. — Die Figur ist äußerst schlank, die
Drapierung ungemein plastisch, weil sehr tief
gearbeitet, mit ganz ungewöhnlicher Betonung

des Körpers. Die Bewegung der den Apfel
reichenden jugendlichen Mutter ist voll An-
mut, nicht minder die des so lieblich wie leb-
haft aufblickenden Kindes, dessen Greifen
nach dem Schleier zugleich der Natur vor-
trefflich abgelauscht ist, die Innigkeit der Be-
ziehungen noch besonders versinnbildend. Der
vom linken Fuß der Gottesmutter nieder-
gehaltene Drache ist eine aus der, (hier im
übrigen total überwundenen) romanischen
Periode nachklingende Reminiszenz, die sich
vereinzelt noch lange erhalten hat. — Bis nahe
an den Anfang des XIV. Jahrh. wird die kost-
bare Gruppe zurückdatiert werden müssen, die
im Rheinland vielleicht Schule gemacht hat,
ohne je vollkommen erreicht worden zu sein.

2. Bei einer unteren Breite von 42 cm
94 cm hoch, aus • Nußbaum geschnitzt, was an
sich schon für den kölnischen Ursprung
spricht, neben dem Umstand der Erwerbung
von einem Euskirchener Antiquar (vor mehr
als 30 Jahren). Nicht so plastisch gehalten
wie 1, ist diese Gruppe durch den Überwurf
des Mantels über den Arm mehr in die Breite
entwickelt, zu deren Betonung der große Zipfel-
umschlag erheblich beiträgt. Die etwas dick
gehaltenen Köpfe sind den schmalen Schultern
gegenüber um so auffälliger; das stark gewellte
Haar ist für die Aufnahme einer Metallkrone
eingeritzt. Neben dem Apfel in der stark aus-
ladenden Rechten erscheint das Vöglein in
der Linken des Kindes als ein neues, (aus der
Taube wohl in Frankreich hervorgegangenes)
gerade im Rheinland (speziell Euskirchener
Gegend) für den Schluß des XIV. Jahrh. charak-
teristisches Motiv. Auf diese Zeit weist auch
der Schlitz in der Tunika des Kindes, wie
die Polychromie hin: Goldrosetten auf dem
weinroten Mantel und namentlich das aus Stuck
gebildete steinverzierte Börtchen am Hals.

3. In Frankfurt gekauft, aber von Köln dort-
hin gebracht, wo es kurz vor 1400 entstanden
sein wird. Die 77 cm hohe, unten 38 cm breite
Nußbaumfigur zeigt die Mutter in ähnlicher,
aber flacher behandelter Draperie, das Kind in
ganz nach vorn schauender Haltung. Die
beiden anmutigen Köpfe sind in ihrer rundlichen
Gestaltung sehr bezeichnend für den Kölner
Ursprung. Obergewänder Gold mit blauem
Fulterumschlag; Untergewand rot. Schnütgen.
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