Zeitschrift für christliche Kunst — 21.1908

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1908. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 1.

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Der Körper des Gekreuzigten, nie weiter
als durch das Lendentuch bekleidet, hängt
wirklich am Kreuze, immer tiefer herabsinkend.
Dabei muß er sich ausbauchen, weil die Füße,
denen kein Brett mehr Stütze gewährt, und
die, mit nur einem Nagel übereinander liegend,
am Kreuzstamme befestigt sind, nicht mit
abwärts gleiten können. Das Haupt ist mehr
oder weniger tief auf die Brust herabgesunken.
Es trägt nun statt der Königskrone eine Dornen-
krone, und unter dieser quillt aus vielen
Wunden das Blut hervor. Das Gesicht drückt,
wenn nicht bereits den Tod, so doch das
Hinsterben unter der Schmerzenlast aus. Ein
armes, zu Tode gequältes Menschenkind, nicht
mehr den Machthaber stellt also die Figur
des Gekreuzigten jetzt dar. Schmerzerfüllt
sind auch die Madonna und Johannes unter
dem Kreuze. Und jene, die in romanischer
Zeit wohl schmerzlich bewegt, aber nie ihren
Schmerzen erlegen war, wird jetzt davon über-
wältigt; sie bricht zusammen und andere
Frauen nebst Johannes leisten ihr Beistand.
Noch deutlicher tritt der gotische Sinn in
neuen Beigaben hervor. Jene unergründ-
liche Liebe Christi zu kennzeichnen, zeigt
sich über dem Kreuze nun das Symbol der-
selben, der Pelikan, der seine Jungen im
Neste mit dem Herzblute nährt. Von der
Sehnsucht der sündigen Menschen
nach dieser Liebe gibt aber die am Fuße
des Kreuzstammes neben Schädel und Ge-
bein hingesunkene Maria Magdalena beredtes
Zeugnis. In wildem Schmerze umfaßt sie den
Stamm und küßt voller Glut das Kreuz und |

die Füße des Herrn. Sie im besondern
kennzeichnet den Fortschritt in der Entwick-
lung zum Kruzifixus der Gotik. Denn ihr Er-
scheinen unter dem Kreuze setzt den Gedanken-
gang fort, der sich an das Fußbrett knüpfte.
An den italienischen Beispielen der Gotik fehlt
dieses Brett zwar in der Regel nicht, aber es
bildet dort eine unbedeutende Konsole, lediglich
zu dem Zwecke, die Befestigung der überein-
ander gelegten Füße Christi durch nur einen
Nagel natürlicher erscheinen zu lassen. An
die Stelle des Brettes, dessen letzte Bildung
die überwundene Sünde darstellte, tritt also
nun die sündige Menschheit selber,
Wie hätte deren Sehnsucht nach Trost und
Erlösung, die doch das im Gekreuzigten dar-
gestellte Christentum bietet, wohl schöner
wiedergegeben werden können als durch die
reuig ihre irdische Lust büßende Sünderin
Maria Magdalena!

Wohl steigerte sich die Darstellung dieses
Gedankens gegen Ende der Gotik oft ins
Entsetzliche durch naturalistische und über-
triebene Wiedergabe von Einzelheiten des
Strafvollzugs, aber im XV. Jahrh. beginnt schon,
wenigstens bei den italienischen Meistern, der
Übergang zu einer neuen Auffassung. Diese,
die Auffassung der Renaissance, will nicht
mehr den Schmerzensmann der Gotik, auch
nicht den Triumphator der romanischen Zeit
verkörpert sehen, sondern den göttlichen Dulder,
der im Bewußtsein seines großen Zweckes
still und erhaben den Tod erträgt.

Hannover.

Gustav Schönermark.

Anmerkungen zu Dr. Oskar Wulffs „Madonnenmeister".

oeben habe ich das Vergnügen gehabt, einen
langen Artikel, der durch zwei Hefte der
,,Zeitschrift für christliche Kunst" geht (Nr. 7 und 8
1907), zu iesen, in dem Dr. Oskar Wulff einen späten
Trecentomaler bespricht, den er — weil dieser Meister,
wie alle seine Zeitgenossen, am meisten Madonnen
mall. — den Madonnenmeister nennt. Nach so
umfangreichen Ausführungen über einen der blassesten
unter den blassen Spättrecentisten würde ich nicht um
Platz für einige Anmerkungen zu demselben Thema
bitten, wenn n:cht der Verfasser sich direkt gegen
einige Äußerungen in meinem Buche über Lorenzo
Monaco, wo ich im Vorbeigehen die Stellung dieses
Malers innerhalb der florentinischen Kunst angebe,
gewandt hätte. Ich habe den Maler zu den Schülern
Agnolo Gaddis gezählt, und dagegen erhebt Dr. Wulff
Einspruch, obwohl auch er den evidenten Einfluß von

Agnolo Gaddi in den meisten Werken dieses Meisters
nicht verkennen kann.

Der Meister soll nach Dr. Wulffs Vermutung von
Siena zwischen 1360 und 1370 nach Florenz über-
gesiedelt sein, hier soll er einen hervorragenden Platz
unter den Malern eingenommen haben und sogar „Be-
obachtungen angestellt, um das Richtige zwischen den
verschiedenen Kunsttypen herauszufinden". Ist es so
gewesen, so können wir nicht ein Bedauern unter-
drücken, daß diese Beobachtungen von so theoretischer
Art waren, daß der Meister dabei die Natur durchaus
vergessen hat. Er gehört zu diesen zahlreichen Spät-
trecentisten, die nur das sehen und darstellen, was sie
in den Werken ihrer Vorgänger finden. Und da die
wesentlichen Stilelemente dieses Malers in Agnolo
Gaddis Werken wiederzufinden sind, so scheint es mir
noch immer am richtigsten, den Maler einen Schüler
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