Zeitschrift für christliche Kunst — 21.1908

Page: 97-98
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Abhandlungen.

Drei romanische Bronzekruzifixe der
Rogkerus-Werkstatt.

(Mit Abbildung, Tafel V.)

us den 40 romanischen,
" nur zum Teil mit den ur-
sprünglichen Kreuzen ver-
sehenen Bronzekruzifixen
meiner Sammlung wählte
ich für die Veröffent-
lichung zunächst die
hier abgebildeten drei
Exemplare, weil sie,
derselben Schule entstammend, in der Ent-
wickelung den Fortschritt zeigen, wie er im
XII. Jahrh. sich vollzog. Sie sind sämtlich
aus Westfalen gekommen, wo Nr. 1 vor
38 Jahren (Münster) von mir erworben wurde,
wo Nr. 2 vor kurzem auftauchte, um bald in
den Frankfurter Kunsthandel zu gelangen, wo
Nr. 3 vor zirka 3 Jahrzehnten sich fand, um
von einem Goldschmiede nach Köln gebracht
zu werden. — Alle drei zeigen den Typus des
XII. Jahrh., der vornehmlich in den auf einem
Suppedaneum nebeneinanderstehenden, nicht
angenagelten Füßen besteht, in den parallel
gestreckten Beinen, in dem von den Lenden
bis ungefähr zu den Knieen fallenden falten-
reichen Lendenschurz, in den markierten
Rippen, in den nur ganz wenig gebeugten
(immer noch die Herrschaft vom Kreuz ver-
sinnbildenden) Armen, in den flach ausge-
breiteten Händen, in dem mäßig geneigten
kurzbärtigen Haupte mit gescheitelten, lang
gestriegelten Haaren, mit den glotzig geöffne-
ten schmerzerfüllten, oder im Tode bereits
gebrochenen Augen. - Die Rückseiten sind
abgeflacht und hohl gegossen, um das Gewicht
zu mindern, aber auch um die sehr beliebte
Bergung von Reliquien zu ermöglichen. —
Dieser den in Deutschland, wie in den be-
nachbarten Ländern des Nordens und Westens
während der romanischen Periode entstandenen
Kruzifixen mehr oder weniger eigene Typus, hat
seine Variationen erhalten durch die Bei-
fügung der Königskrone, der das Herrscher-
ideal des Gekreuzigten der karolingischen
Periode wieder aufleben machen sollte, sowie
durch die stärkere Beugung der Kniee und

dadurch bewirkte lebhaftere Bewegung, durch
die gebogenen Arme, durch die nach unten
gewendeten Hände, durch allerlei Vervoll-
kommnungen hinsichtlich der in den Dienst eines
gewissen Realismus gestellten Modellierung.

Zur westfälischen (sächsischen) Eigenart,
die in den beiden kostbaren Paderborner
Tragaltärchen am zutreffendsten ausgeprägt
ist, gehört die etwas gedrungene, entsprechend
derbere Gestaltung und die dadurch beab-
sichtigte monumentale Wirkung. Als den
Mittelpunkt dieser Auffassung und Ausführung
darf wohl das Kloster zu Helmershausen
betrachtet werden mit seinem Hauptgold-
schmied Rogkerus, der bekanntlich von
den meisten Kunstforschern für identisch ge-
halten wird mit dem Verfasser Theophilus der
um 1100 entstandenen ,,Schedula diversarum
artium." — Von Essen, wo sich namentlich aus
dem X. und XL Jahrh. zahlreiche, hochbe-
deutsame Erzeugnisse der Goldschmiede- und
Emaillierkunst erhalten haben, zumeist wohl
heimische Produkte, die anfangs unter dem
unmittelbaren Einflüsse byzantinischer Künstler,
später als selbständige Arbeiten entstanden
waren, scheint in dieser späteren Zeit der Ein-
fluß in die Helmershausener Klosterschule ge-
langt zu sein. Wenn hierher auch von der alten
Hildesheimer Werkstätte Anregung erfolgt ist,
dann ist sie von jener später erwidertun d nament-
lich auch auf Fritzlar ausgedehnt worden, sowie
aufs Münsterland mit seiner lebhaften Pflege
des spätromanischen Kunstgewerbes.

Für die spezielle Würdigung der drei hier
vorgeführten Christuskörper sei noch folgen-
des bemerkt:

Nr. 1 (Höhe 20 cm) von rötlicher Bronze
mit der ursprünglichen wohlerhaltenen tief-
gelben Vergoldung, scheint zurückzugehen auf
den ebenfalls bronzegegossenen Korpus an dem
mit Filigran, Steinen und Zellenschmelz reich
geschmückten vierten Goldkreuz der Essener
Schatzkammer, die als Stiftung der „Mathild'
Abbatissa" durch die Inschrift der großen
Emailtafel gewährleistet ist. Diese Äbtissin
Mathilde ist aber nicht identisch mit der
Enkelin von Kaiser Otto L, die mit ihrem
Bruder Otto Dux, kurz vor 982 das älteste
Goldkreuz desselben Schatzes schenkte und so
für die Stiftung von zwei weiteren Goldkreuzen
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