Zeitschrift für christliche Kunst — 21.1908

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1908. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 6.

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sein Tabernakel durch reiche Schnitzarbeit
auszeichnet. Der letztere umschließt in seinem
Hauptfelde eine gelungene Vollfigurengruppe
der Verkündigung Mariens; der kleine Barock-
aufsatz eines Seitenaltares bewahrt noch ein
spätgotisches Kreuzerfindungsrelief mäßig guter
Arbeit. Ein paar bessere Holzstatuen heil.
Jungfrauen ebenfalls der gotischen Periode
erhielten sich als Zierde eines anderen Auf-
satzes. Recht interessant versprechen die
gotischen Wandgemälde im Nordschiffe
des Westteiles zu werden, von denen durch
den Herrn Pfarrer Franz Pokorn schon 1893

ein Teil aus der Tünchenschicht befreit
worden ist. Darstellungen des h. Wolfgang, der
h. Elisabeth, Barbara, der Vermählung Mariens
kamen zum Vorschein samt der Jahreszahl 1453.
Hier wird sich noch weit mehr entdecken lassen
aus der malerischen Schmuckgabe gotischer
Ausstattung, da wahrscheinlich die ganze
Westkirche bemalt war. — Möge das Vorbe-
schriebene genügen, um aufmerksam zumachen
wie interessante Spuren die deutsche Kolonisa-
tion längst verwichener Zeiten zurückgelasssen
hat in südöstlichen fremdsprachigen Fernen.

Graz.

Johannes Graus.

ßücherschau.

Graduale Sacrosanctae Romanae Ecclesiae
De Tempore et de Sanctis. SS. D. N. Pii X. Pont.
Max. jussu restitutum et editum, cui addila sunt
festa novissima. Editio Schwann P. 1908, Duesseldorf.
Choralnoten. (Geb. in Halbfranz Mk. 7.)
Dieses Graduale, dem das Dekret des Kardinals
Cretoni als Präfekten der Ritus-Kongregation, wie das
Zeugnis der Übereinstimmung mit der vatikanischen
Ausgabe durch den Kardinal Fischer als Diözesan-
bischof vorgedruckt ist, gereicht dem auf dem Gebiete
der liturgischen Bücher hochverdienten Verlage zur
Ehie. Dasselbe zeichnet sich nämlich durch vortreffliche
Ausstattung aus, die nicht nur in der ungemein klaren
Anordnung, sondern auch in dem künstlerischen Schmuck
besteht. Mit der sehr deutlichen weil scharfen Antiqua-
schrift gehen die vereinzelten romanischen Majuskeln
und die ihnen angepaßten figuralen Vignetten, wie die
mannigfaltigen Ornamentborten vorzüglich .zusammen,
während die kleineren sehr markanten Initialen, die
alle Seiten beleben, die Übersicht erleichtern. ■— Der
angesichts dieser Vorzüge um so mäßiger erscheinende
Preis darf als besondere Empfehlung in die Wagschale
fallen. . _________ Schnütgen.

Familien-Genealogie. Ein Buch für Familien-
Geschichte und für die Erziehung der folgenden
Generationen von B. Leuschner. Dritte Auflage.
— Ferd. Schüningh in Paderborn. (Preis geb. Mk (3.)
Um durch die Feststellung und Betonung der
guten Traditionen den Familiensinn zu nähren, werden
hier Ahnentafeln vorgeschlagen und vorgezeichnet, die
mit den Eltern unter Gefolgschaft der Groß- und Ur-
großeltern als der ersten Generation beginnen. An diese
reiht sich als zweite Generation das Kind mit den be-
züglichen durch den neu hinzugetretenen Eheleil ver-
stärkten Groß- und Urgroßeltern. In derselben Weise
sind die dritte und vierte Generation markiert, so daß
die Familien-Genealogie sechs Geschlechter in auf- bezw.
absteigender Linie, und damit einen Zeitraum von
nahezu 200 Jahren umfaßt. — Diesen Tafelformularen
gehen als Ein lei t ung voraus: Hirtenworte über das
christliche Leben und das Familienleben von Kardinal
Kopp; sie behandeln „die Vorbedingungen häuslichen

Glückes, die Eheschließung, die Pflichten des Mannes,
die Pllichten der Hausfrau, die Erziehung der Kinder, das
Lehr- und Dienstverhältnis, der Sonntag in der Familie,
die Arbeit, das religiöse Leben in der Familie, die
Ordnung in der Familie". Als Anleitung folgen
Unterweisungen für die Eintragungen in die Eltern-
tafel, die Kindertafel, die Erinnerungstafel, die Er-
gänzungstafel, die Geschwistertafel, sowie zur Fort-
führung des Buches. — Der Anhang beginnt mit
dem Schema einer Erbfolgetafel, deren Benutzung durch
die Erklärung erleichtert wird; und mit den gesetzlichen
Bestimmungen über das Familienrecht und das Erbrecht
schließt das idealen Interessen dienende, praktisch ein-
gerichtete, gut ausgestattete Buch h.

W. Bürger's Kunstkritik. Deutsche Bearbeitung
von A. Schmarsow und B. Klemm. I. Neue
Bestrebungen der Kunst „Lands chaftsmalerei'1.
— Klinkhardt&Biermann i. Leipzig 1908. (Pr. Mk. 3.)
Die kunstkritischen Artikel, die der Franzose
Theophile Thore unter dem Pseudonym W. Bürger
in den „Salons" namentlich während der Jahre 1844
bis 1848 und 1861 bis 18t>8 schrieb, sind wegen ihrer
treffenden geistvollen Fassung von jeher als Muster-
leistungen moderner Kunstkritik betrachtet worden.
Die mächtige Kunstbewegung in Frankreich durch
Millet, Courbet, die Schule von Barbizon usw. wurde
hier sofort richtig erkannt, im Geist der Zeit ge-
gewürdigt und zur Grundlage der ästhetischen An-
schauungen gemacht. — Wer daher die großen Kunst-
Strömungen des letzten Jahrhunderts in Frankreich und
ihre ästhetischen Grundlagen an der Hand eines
fesselnden Führers kennen lernen will, greife zu diesen
Berichten, die noch den Vorzug haben, hier aus der
Zerstreuung gesammelt, verdeutscht und in übersichtlicher
Weise geordnet zu sein. — Über „Neue Bestrebungen
der Kunst" handelt im Überblick die Einleitung, und
der französischen Landschaftsmalerei der Hauptjahre
sind, nach diesen geordnet, die Artikel gewidmet, in denen
Theodore Rousseau, Calame und Diday, Leroy, Francais,
Corot, Daubigny und manche andere Meister im Vorder-
grunde stehen. a.
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