Zeitschrift für christliche Kunst — 21.1908

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1908. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 1.

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Der Kruzifixus in der Gotik.

as römische Weltreich war unterge-
gangen. Besonders die germani-
schen Völker hatten seinen Unter-
" gang beschleunigt. Sie hatten in-
folge der Völkerwanderung auch in Italien
Reiche gegründet und selbst der ehemaligen
Reichshauptstadt ihren Willen aufgezwungen.
Dennoch stand römische Kultur, wie sehr sie
schon gesunken sein mochte, immer noch
hoch über dem, was die nordischen Barbaren
mitbrachten. Sie staunten die römischen Über-
kommnisse des Wissens und der Kunst an
und nahmen davon zunächst willig hin, was
sie brauchen konnten. In erster Linie das
Christentum und seine Kunst. Aber erst all-
mählich mit der Festigung und Ausbildung des
Staatswesens der germanischen Völker selbst
gestalteten sich die römischen Vorbilder in
germanischem Sinne aus und um. Vielleicht
ist dies an keinem Beispiele ersichtlicher als
am Kruzifixus.

Ein solcher hat bekanntlich nicht eine
Hinrichtung darzustellen, sondern die Haupt-
lehre der Christen, die Lehre von der Er-
lösung der Menschen durch den Tod Christi
am Kreuze. Es läßt sich verstehen, daß diese
Lehre durch den Kruzifixus erst dargestellt
werden konnte, als die Kreuzigungsstrafe ab-
gekommen war und mit ihr die Erinnerung
an die Schmach und Schande verblaßte, die
gerade dieser Strafe anhafteten. Außerdem
wirkte die heidnische Vorstellung von der
Gottheit nach, der zu Folge es schlechterdings
unvereinbarlich schien, der wundertätige, über
die Dämonen Gewalt habende Gott sein zu
wollen und doch die schimpflichste Strafe
ertragen zu müssen. Deshalb kam der Kruzi-
fixus erst um 600 auf und zeigte den Heiland
nicht etwa als sterbenden Sträfling nackt am
Kreuze hängend in naturalistisch geschichts-
treuer Weise dargestellt, sondern vor dem
Kreuze stehend auf einer Fußbank, wie sie
für bedeutende Personen üblich war, und in
ein Prachtgewand gekleidet, also in einer auf
den Richtakt nur hindeutenden, geschichts-
unwahren, symbolischen Darstellung. Man
sah in dem Gekreuzigten eben nur den gött-
lichen Überwinder der dämonischen Natur-
kräfte, an dem ein Verbrechen verübt war,
oder höchstens den göttlichen Lehrer und
Gesetzgeber, der sich zur Bestätigung seiner

Lehre freiwillig hatte hinrichten lassen. ' Auch
die germanischen Völker faßten ihn zunächst
nur als den königlichen Herrscher und be-
sonders als den heldenhaften Führer auf, der
für die Seinigen in den Tod ging, ihnen ein
Beispiel der Treue und Aufopferung zu geben.
Bis in die Zeit der Karolinger übernahm man,
da es diesseits der Alpen an Künstlern noch
fehlte und Rom für alle kulturellen Dinge
immer noch vorbildlich war, die Kruzifixus-
bildung aus Italien, also den völlig bekleide-
ten Christus mit Fußbrett, und zwar an einem
meist durch Edelsteine reich verzierten Kreuze.
In romanischer Zeit, als Deutschlands Völker
sich zur Selbständigkeit entwickelt hatten, fand
man jedoch auch für die Erlösungslehre, für
die Idee des Kruzifixus, selbständige Ausdrucks-
weisen. Da die Bekleidung mit jenem antiken
Prachtgewande den nordischen Völkern nicht
wohl verständlich war, entkleidete man den
Heiland bis auf ein mehr oder weniger rock-
förmiges Lendentuch, aber man setzte ihm
eine Herrscherkrone aufs Haupt und ließ
durch Umbildung und Beigaben nicht zweifel-
haft, daß es der göttliche Machthaber sei, den
man am Kreuze erblicke. Über dem Kreuze
schweben deshalb die Himmelszeichen von Sonne
und Mond, auch oft Engel als Himmelsboten,
unter ihm stehen Maria und Johannes sowie
der Speerträger und der Schwammhalter.
Ferner sieht man die Auferstehung, die Himmel-
fahrt und den im Himmel tronenden Christus
dargestellt. Es kommen weiter vor die Evan-
gelistensymbole, die Personifikationen von Erde
und Meer, die vier Paradiesströme, die Eccle-
sia und die Synagoga, und allegorisierend
dafür Vita und Mors sowie ähnliche Beifügungen
geistvoller Art. Oft steht Christus in jugend-
licher Erscheinung mit offenen Augen und in
ungebeugter Haltung am Kreuze auf dem
Fußbrette, dessen ursprüngliche Bedeutung
zwar nicht mehr verstanden wurde, das aber
jetzt jene geistreiche Umgestaltung erhalten
hatte, die wir Sp.77 des vorigen Jahrgangs darge-
legt haben. Zunächst war es die Fußbank,
die den auf ihr Stehenden als Machthaber,
oder doch als den an weltlicher Macht Her-
vorragenden kennzeichnete; dann war es der
Inbegriff der weltlichen Macht und Herrlich-
keit, nämlich das durch die Wölfin mit Romu-
lus und Remus gekennzeichnete Rom, welches
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