Zeitschrift für christliche Kunst — 21.1908

Page: 365-366
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zchk1908/0207
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
365

1908.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNS1 — Nr. 12.

366

Die Madonna mit der Wickenblüte

IL

it dem Gedenken an Wackenroders
„Herzensergießungen eines kunst-
liebenden Klosterbruders" (1797)
werden wir uns passend an die
Schwelle des neuen Jahrhunderts und in das
neue Empfinden versetzen. Wie Goethe,
Friedrich von Schlegel, Tieck in diesem Auf-
schwung der Geister und Herzen alsbald auf
den Plan traten und die altdeutsche Kunst
in den Bereich der Studien zogen, wie als-
dann die Aufmerksamkeit der ganzen Nation
auf die Stadt mit dem ewigen Dom gerichtet
war, das ist allbekannt. Die Augen aber
unser aller, denen der Beruf des Kunst-
sammlers obliegt, ruhen mit Wohlgefallen auf
den Drillingsfreunden von Köln, den Brüdern
Boisseree und Bertram, — so sehr den Kölnern
dies Wohlgefallen getrübt werden mag durch
das Bedauern, daß zuletzt zu Ungunsten der
Kunstsammlungen ihrer Stadt der Kaufmann
in den Freunden siegte. Aus dem Dreigestirn
aber leuchtet die Gestalt des Sulpiz Boisseree
hervor. Im Jahre 1804 beginnt mit jener auf
dem Neumarkt gemachten Erwerbung des
verschleppten Bildes, aus welchem die goldenen
Heiligenscheine hervorleuchtend sie angezogen
hatten, die Sammlertätigkeit der Freunde
(Sulp. Boiss. I, p. 29). Schon 1810 kann Sulpiz
an Goethe schreiben, daß er mit seinem Bruder
und Bertram die vollständigste Sammlung alt-
kölnischer Bilder zusammengebracht habe.
Anhaltend ist er beim Klassifizieren; wir
folgen ihm in seine Räume, wie er aufstellt
und chronologische Reihen zu bilden sucht.
Bald nach den ersten Entdeckungen stellt
sich „der Wunsch eine möglichst vollständige
Reihe von Tafelgemälden der altkölnischen
Schule aufzustellen" bei dem jungen Forscher
ein. Mit überraschender Klarheit ist er schon
sehr bald so weit, die großen Wendepunkte
in der Geschichte der altkölnisch-niederländi-
schen Malerei erkannt zu haben. Er träumt
davon eine „kunsthistorische Laufbahn ein-
zuschlagen" (I p. 42). Seit dem Jahre 1808
beginnt sein Interesse für den Dom und das
Domwerk, welches ihn von dem Ausbau der
Ideen zur Geschichte der Malerei eine Weile
ablenkt. Unausgesetzt tauchen diese aber
wieder auf; noch in späten Jahren 1833
schreibt er gelegentlich einer Reise an den

(Schluß.)

Niederrhein: „Diese Bilder haben recht eigent-
lich die Sehnsucht in mir erweckt, mit Ruhe
meine Untersuchungen über die Geschichte
der Malerei vornehmen zu können".

Seit 1810 in Heidelberg setzt er die
Studien fort, indem er unausgesetzt Streifzüge
ringsum ins Land unternimmt; wie denn die
Brüder rastlos Entdeckungs- und Studien-
reisen machen, bald abwärts nach den Nieder-
landen, bald die Rheinlinie aufwärts bis Basel,
den Main hinauf nach Franken hinein.

Für die schnelle Reife der Studien Sulpiz
Boisserees war es also ein fast spät zu nennen-
der Termin, wenn er erst 1820 dazu gelangte,
an die Veröffentlichung des Galeriewerks Hand
zu legen. Aus der Menge der entwickelten
deutschen und niederländischen Bilder des
XV.—XVI. Jahrh., deren Meisterbezeichnungen
heute freilich fremd genug anmuten, heben
sich klar die Arbeiten Stefan Lochners und seiner
Schule als „Meister Wilhelm" und Schule,
und der später sogen. Meister Wilhelm selbst
als „Unbekannter kölnischer Maler" heraus.
Diese Gruppen standen, wie die Briefe zeigen,
schon lange klar vor seinem Geist.

Für Goethe, vornehmlich aber auch für
Schlegel ist Sulpiz der gebende Teil. Schlegel
baut direktauf des Freundes Kenntnissen (I p. 76);
klug genug räumt er ihm in einem seiner
Briefe „den Thron der deutschen Kunst-
geschichte" ein, gleichzeitig um Auskunft
bittend (I p. 91). So müssen wir für das
erste und zweite Jahrzehnt bei Sulpiz und
seiner Umgebung ein Verhältnis feststellen,
welches der Sammler und der Museumsbeamte
oft genug aus der Erfahrung kennen lernt:
in den Aufstellungen und Rangierungen von
Sammlungen ist die wissenschaftliche Grund-
lage auch für andere gegeben, umsomehr wenn
der Sammler mitteilsam genug ist, seine Um-
gebung und den Besucher aufzuklären. Oft nutzt
der darüber kommende oder der folgende das
Gegebene aus. So mochten auch die Künstler
der Umgebung, von denen die Freunde selbst
in mancherlei Beziehungen lernten, ihrerseits
an stilgeschichtlichen Gesichtspunkten gewinnen.
Ich kehre jetzt noch einmal zu unserer
Madonna zurück. Bei näherem Vergleichen
bemerkt man, wie der Maler derselben mit
großer Materialkenntnis die Motive allenthalben
zusammensucht, sich aber dabei wohl hütet.
loading ...