Zeitschrift für christliche Kunst — 21.1908

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1908.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 2.

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M. Bouchots Ansichten über die Erstlinge der Holzschneidekunst.

m Jahre 1903 ließ der Direktor
des Pariser Kupferstichkabinetts,
M. Henri Bouchot, ein Werk unter
dem Titel „Les deux cents incu-
nables xylographiques du Departement des
Estampes" erscheinen, das aus einem Text-
bande und einem Atlas besteht. Eine flüch-
tige Durchsicht ließ mich damals glauben,
daß wir zwar in einer sehr wichtigen Frage,
nämlich in bezug auf die Heimat der ältesten
Bildholzschnitte, verschiedener Ansicht seien,
im übrigen aber ziemlich übereinstimmten, so
daß ich kein Bedenken trug, meine Entgegnung
bis nach dem Abschlüsse des letzten Bandes
meines Manuel zu vertagen. Erst durch die
kürzlich erschienenen Arbeiten Molsdorfs und
Leidingers wurde mir klar, daß der Stand-
punkt Bouchots sich auch in anderen Fragen
wesentlich von dem meinigen unterscheiden
müsse, und bei einer sorgfältigeren Unter-
suchung machte ich die unerwartete Ent-
deckung, daß Bouchot auch nicht in einem
einzigen Falle meine Ansichten über die Ent-
stehungszeit und den Ursprungsort der im
Pariser Kabinett befindlichen Holz- und
Metallschnitte teilt. Leider ist Bouchot in-
zwischen gestorben und kann sich nicht mehr
verteidigen; deshalb werde ich mit um so
größerer Unparteilichkeit unsere Meinungsver-
schiedenheit zum Austrag zu bringen versuchen.
.M. Bouchot ist ein überaus höflicher Gegner,
der mit größter Anerkennung von meinen
Arbeiten spricht, und zugleich ein Mann von
scharfer Beobachtungsgabe, sehr belesen und
mit der Kunstgeschichte seiner Heimat außer-
ordentlich vertraut. Aber zwei unglückliche
Umstände, an denen ich selbst in gewissem
Maße schuld habe, haben in ihm falsche Vor-
aussetzungen erweckt und ihn schließlich dazu
verführt, die deutsche Kunst in ärgster Weise
herabzusetzen und überall Schwindel und Be-
trug zu vermuten.

Ich hatte auf der 7. Tafel des VI. Bandes
meines Manuel den im Wiener Kupferstich-
kabinett befindlichen „S. Bernhard" reprodu-
zieren lassen, dessen Wichtigkeit auf der Unter-
schrift seines Verfertigers „ierg haspel ze
Bibrach" beruht. Die sehr starke Kolorierung
des Blattes ließ aber auf der Photographie
den Namen kaum erkennen, und ich beauf-
tragte deshalb die Kunstanstalt, die Platte

nach einer Bause, die ich dem verstorbenen
Dr. Chmelarz verdankte, zu retouchieren, was
leider in völlig unzureichender Weise ge-
geschehen ist M. Bouchot übersah, daß ich
an der Spitze des VII. Bandes ein getreues
Faksimile der Unterschrift gebracht habe, und
hielt sich nur an die mißglückte Tafel des
VI. Bandes. Er 'bestreitet daher ihre Echtheit
und ihre ganz zweifellose Biberacher Herkunft
und glaubt, da auf dem Bilde das Wappen
von Clairvaux sichtbar ist, den Ursprung des
Blattes nach dem französischen Kloster ver-
legen zu dürfen, obschon er selbst (S. 20)
bemerkt „et pas un seul portrait de S. Bernard
ne sera desormais peint sans ces armes."

Diese irrige Vermutung erweckt in ihm
den Gedanken, daß alle deutschen Inschriften,
die man auf älteren Holzschnitten findet, ge-
fälscht sind, d. h. daß die deutschen Holz-
schneider im Auslande fertige Platten kauften
und die Inschriften einsetzten. Gewisse Um-
stände, die er sich nicht zu erklären vermag,
scheinen seinen Argwohn zu bestätigen, und
schießlich gewinnt der Gedanke so sehr in
ihm die Überhand, daß er bei seiner Nr. 173
(S. 250) die Tegernseer Mönche direkt eines
Betrugs beschuldigt: „Je n'hesite pas ä voir
lä un de ces truquages, dont I'abbaye de
Tegernsee avait le secret." Und womit be-
gründet er seine Anschuldigung? Das Blatt
stellt in 22 kleinen Rundbildchen die zehn
Gebote, die fünf Sinne und die sieben Tod-
sünden dar und ist von drei Zeilen deutschem
Text und dem Klosterwappen begleitet. Bouchot
fand, daß sich auf der Rückseite des Papiers
nur die Bildlinien, nicht aber auch die Buch-
staben markieren, und daß auch die Druck-
farbe der letzteren blasser erscheint. Ich habe
mir darüber keine Notiz gemacht und vermag
auch in der Reproduktion nicht die geringste
Anomalie zu entdecken, so daß die Ursache
wohl nur in der Mangelhaftigkeit des Druck-
verfahrens zu suchen ist. Jedenfalls hätte
Bouchot sich leicht von der Haltlosigkeit seiner
Beschuldigung überzeugen müssen, wenn er
die Sache nicht einseitig betrachtet hätte.
Welche Absicht, welchen Zweck, welchen
Nutzen konnten die Mönche haben, wenn sie
hier eine Täuschung versuchten ? Falls Bouchot
nicht annimmt, daß sie es darauf abgesehen
hätten, uns arme Kunsthistoriker späterer
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