Zeitschrift für christliche Kunst — 21.1908

Page: 157-158
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1908. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 5.

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Bücherschau.

Der Tabernakel einst und jetzt. Ein histo-
rische und liturgische Darstellung der Andacht zur
aufbewahrten Eucharistie. Von Felix R a i b 1 e
(weiland Pfarrer in Glatt.) — Aus dem Nachlaß des
Verfassers herausgegeben von Dr. EngelbertKrebs.
Mit 14 Tafeln u. 53 Abbildungen im Text. — Herder
in Freiburg 1908 (Preis Mk. 6,60).
Als „ein wissenschaftlich fundiertes Werk für die
Praxis" will dieses posthume Buch betrachtet werden,
das aus der (sakramentalen) Seelsorge herausgewachsen,
ihr in erster Linie dienen will, und diese erhabene Auf-
gabe vollkommen erfüllt, ohne die archäologische, durch
zahlreiche, zumeist bekannte Abbildungen illustrierte
Seite zu vernachlässigen. Diese ist an sich so ausge-
dehnt, daß sie in diesem Rahmen irgendwie erschöpfend
nicht gelöst werden konnte. Jede der hier vorgeführten
Gruppen würde eine eigene Monographie wohl ver-
dienen. — Von den 3 ungefähr gleich umfänglichen
Teilen bebandelt der I. den Tabernakel im Altertume,
der II. im Mittelalter, der III. den Altartabernakelbau,
den das Mittelalter nur ausnahmsweise verwendet hatte.
— Hier ist, namentlich im IL Teil, unter sorgfältiger
Benutzung der immerhin recht ausgedehnten Literatur,
viel wertvolles Material zusammengebracht, wobei
manches übersehen werden konnte, bezw. mußte, wie
die alten Metalltabernakel in Aachen, Siegburg, Frönden-
berg, wie die Entwickelung der Monstranz teils aus
dem Ciborium, teils aus dem Ostensorium, wie ver-
schiedene mittelalterliche Formen des Ciboriums und des
Versehkreuzes, usw. — Daß der Verfasser für den
Tabernakel allerlei Vorschläge macht, entspricht seinen,
namentlich hier von der Innigkeit inspirierten, durchaus
begründeten Ansichten und Intentionen. Mit Recht
betont er die Schwierigkeit, die alten Tabernakel (auch
zum Zwecke größerer Sicherheit) zu verbessern, neue
Formen vorzuschlagen, so daß Zurückhaltung hier sehr
angebracht ist. An Versuchen für neue Lösungen hat
es nicht gefehlt; daß aber in dieser Hinsicht noch Auf-
gaben, die sich aus den veränderten liturgischen An-
ordnungen und Gepflogenheiten ergeben haben, zu lösen
sind, kann keinem Zweifel unterliegen. Mehrere, zum
Teil von Münzenberger angegebene, mittelalterliche
Altareinrichtungen dürften hier den Weg zeigen helfen,
den bereits mehrere kirchliche Künstler, namentlich
Bildhauer, mit Erfolg betreten haben. — Das inhalt-
reiche, pietätvolle Buch darf besonders dem Klerus aufs
wärmste empfohlen werden^ \^ Schnütgen.

Geschichte der Reliquien in der Schweiz.

Von E. A. Stückelberg. _ IL Mit 3 Abbildungen

im Text und 9 Tafeln. Verlag der Schweizerischen

Gesellschaft für Volkskunde in Basel.

Der I. Band von Beiträgen zur Reliquienverehrung

im allgemeinen und besonders in der Schweiz, dem

hier, Bd. XV. Sp. 90/91, seinem Verdienst gemäß,

eine eingehende Besprechung gewidmet wurde, hat

seinen Abschluß gefunden durch den vorliegenden Band,

der die Anzahl der Regesten um 1010 erhöht, mit

517 einsetzend und bis in unsere Tage sie fortführend.

Was zum Lobe des mit ungemeiner Hingebung und

in allseitiger Würdigung zusammengetragenen, nicht nur

den engeren Rahmen der Hagiographie, sondern auch

den weiteren der geschichtlichen und archäologischen
Forschung wesentlich erweiternden und füllenden
Materials bereits gesagt ist, darf auf den Schlußband
ausgedehnt werden, der zahlreiche neue Beiträge liefert
hinsichtlich in die Schweiz eingeführter, wie aus ihr
entführter Reliquien und ihrer zum Teil kostbarer,
daher durch den öffentlichen Verkauf gegangener
Fassungen. — Die vom Verfasser durch die voll-
kommene Beherrschung des Gebietes herausgebildete
Methode macht überall den' Eindruck des Gereiften
und Bewährten, so daß sie den Forschern als Vorbild
dienen kann, die in anderen Ländern den Reliquien-
kultus auf seine Grundlage wie auf seine geschichtliche
Entfaltung prüfen möchten. Eine sehr lohnende, zu-
gleich sehr dringliche Aufgabe! Schnutgen.

Kritik der Wiener Genesis. Zugleich ein Bei-
trag zur Geschichte des Untergangs der alten Kunst,
von Jos. Poppelreuter. — Du Mont-Schauberg
in Köln. 1908.
Die Illustration zur „Wiener Genesis" hat z. Z.
Wickhoff veranlaßt, den spätantiken Kunstbetrieb zu
schildern, wie er ihn als vorwiegend malerisch, daher
illusionistisch auffaßt, und in dieser Hinsicht mit dem
glänzenden Kunstschaffen des XVII. Jahrh. ver-
gleicht. — Nach solchen Analogien halten gern Um-
schau, die das ganze Feld der Kunstgeschichte be-
ackernd, einen gewissen Turnus der Techniken und
Formen annehmen. Auf das Zusammenwirken von
Stift und Pinsel, auf die Verbindung des Plastischen
und Malerischen, auf die Vermischung des Reliefartigen
und Flachhaften läuft es dabei hinaus. Deswegen
konnte es auch nicht befremden, daß zu ganz ähnlichen
Kombinationen A. Riegl gelangte, bei dem die ästhe-
tischen Gesichtspunkte so gern mit den tatsächlichen
Feststellungen sich verschmolzen. — Von demselben
Streben des kunstgeschichtlichen, antike und neue
Kunst vergleichenden Überblicks, ist Poppelreuter an
die Kritik der Wickhoffchen Anschauungen herange-
treten, mit dem Ergebnis, daß dieselben sich in der
behaupteten Ausdehnung nicht begründen lassen. —
Was hierbei an Hinweisen auf die Art des spätantiken
Kunstbetriebs, auf die mehr von Alexandrien als von
Westrom, also mehr griechischen als lateinischen aus-
geübten Einflüsse, mit feinem Verständnis und in
geistvoller Art zum Ausdruck gelangt, verdient volle
Beachtung. Daß der Verzicht auf die Pflege der
(heidnischen) Sarkophagskulptur zugunsten der Flach-
technik, namentlich der rein ornamentalen, nicht nur in
dem Verfall, sondern auch in den veränderten (christ-
lichen) Zielen der Kunst seinen Grund hatte, durfte
noch stärker betont werden. Schnütgen.

Kulturgeschichte des Mittelalters. Von

Georg Grupp, II. Band, zweite vollständig neue

Bearbeitung. Mit 48 Illustrationen. Ferd. Schöningh

in Paderborn 1908. (Preis Mk. 10.)

Der hier (XX. 63/64), vor stark Jahresfrist,

charakterisierte und empfohlene I. Band hatte die

Schwelle der karolingischen Periode erreicht, so daß

der IL Band mit Karl dem Großen beginnt, um

die durch ihn begründete Staatsordnung, die unter
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