Zeitschrift für christliche Kunst — 21.1908

Page: 309-310
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309

1908.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 10.

310

Das Chorgestühl des Domes zu Köln.

(Mit 9 Abbildungen.)

(Schluß.;

II.

ußerden besprochenen zehn Wangen
finden sich noch vier kleinere mit
je einen Vierpaß, dem alten Dienst
der Säulen,
die in die obere Gestühl -
reihe einschneiden, vor-
gelegt. Die dargestellten
Szenen sind der Genesis
entnommen. An der Süd-
seite sehen wir die Ver-
treibung aus dem Para-
diese (Fig. 1) und Noahs
Trunkenheit (Fig. 2), an
der Nordseite Isaaks
Opferung und Jakobs Be-
trug seinem Vater und
Bruder gegenüber.

Wie schon erwähnt,
handelt es sich bei den
Bildern des Gestühles
um eine Gegenüberstel-
lung von Gutem und
Bösem, von geistlichen,
Gott wohlgefälligen und
weltlichen Handlungen.
In den Bekrönungen der
ersten Wangen waren Ver-
schwiegenheit u. Schwatz-
haftigkeit, Keuschheit
und Unkeuschheit in
Verbindung gebracht. Die
Reliefs dieser Wangen
standen vielleicht mit den
zerstörten der Außenseite
in Beziehung. Kirchen-
musik und Psalmenge-
sang, auf der anderen
Seite die kosenden Paare
gaben den Kontrast
zwischen geistlicher und
weltlicher Beschäftigung.
Salomon und Traian ver-
körpern die Gerechtigkeit,
während die Juden als

Sinnbild der iniustisia oder infidelitas, der
Treulosigkeit gegen Gesetz und Wahrheit auf-
zufassen sind. Bei den korrespondierenden
Wangen der Epistelseite handelt es sich
um den Gegensatz zwischen Kindern Gottes

Fig. 1

Fi£. 2

und Kindern der Welt, der hier auch in den
Voluten seinen Ausdruck fand. Ein Kontrast
hat sicherlich auch den letzten Darstellungen
zugrunde gelegen. Sehr geschickt ist diese
Gegensätzlichkeit auch
auf die kleinen Wangen
übertragen. Dem Sünden-
fall der ersten Menschen
entspricht Isaaks Opfe-
rung: dort der Unge-
horsam gegen Gott, hier
das klassische Beispiel
des Gehorsams. Noahs
Schande zeigt, wie Sem
und Japhet ihrem Er-
zeuger die schuldige Ehr-
furcht entgegenbringen,
Jakob dagegen läßt es
durch seinen Betrug dem
Vater gegenüber daran
mangeln. Diese Vorliebe
des Künstlers für Kon-
traste sehen wir auch
bei manchen Vierpässen
unter den Klappsitzen
wiederkehren, indem er
mehrmals Eintracht und
Zwietracht, kosende und
tanzende Paare mit rau-
fenden und zankenden
in Verbindung bringt.
Die Reliefs dagegen, die
bei der Erneuerung hin-
zugefügt wurden, fallen
mit ihrem nüchternen
historischen Inhalte ganz
aus dem Rahmen der
übrigen Bilder heraus.

In seiner vollen Tüch-
tigkeit lernen wir den
alten Meister erst kennen
an den Knäufen und
Miserikordien, bei deren
künstlerischer Gestaltung
er durch keine tradi-
tionellen Schemen gebunden ist, wo er vielmehr
seiner übersprudelnden Phantasie freien Lauf,
seinem Witz und Spott die Zügel schießen lassen
darf. Erst hier zeigt er sich als eminenter Be-
obachter, als Beherrscher der Natur und des
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