Zeitschrift für christliche Kunst — 21.1908

Page: 161-162
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Abhandlungen.

Zwei gravierte Kreuze und sechs ge-
gossene Kruzifixe des XII. Jahrh.

(Mit 8 Abbildungen, Tafel VII.)

amtliche hier abgebildete
Gegenstände sind seit
dem Ende der sechziger
Jahre zu Köln in den
Heberle'schen Kunstauk-
tionen von mir erworben
worden, diebeiden Kreu-
ze (Abb. 1 u. 2) als Nach-
träge zu den Versteige-
rungen der Sammlung
Ramboux. — Für ihre Entstehung in den
sächsisch-westfälischen Werkstätten des XII.
Jahrh. sprechen mancherlei Gründe.

Abb. 1. Ornamentkreuz, (ohne das
später zugefügte Stück des Längsbalkens)
23 cm hoch, bestehend aus ganz dünner Rot-
kupferplatte, die vergoldet und mit graviertem
Palmettenrand versehen, im übrigen mit Schmel z-
firnis bedeckt wurde. Dieses von Theophilus
in seiner „Schedula diversarum artium" genau
beschriebene Verfahren gelangte im XL und
namentlich im XII. Jahrh. als überaus einfache
und doch sehr wirkungsvolle Dekorationstechnik
vielfach zur Verwendung in Sachsen, am Rhein,
an der Maas; lichtere, hellbraune Tonung
spricht für den Kölner Ursprung, dunklere,
fast undurchsichtige Färbung kennzeichnet die
westfälischen und Hildesheimer Erzeugnisse.
Schon vom Standpunkte dieser Beobachtung aus
würde das vorliegende Kreuz in den sächsischen
Bezirk zu verlegen sein, wenn nicht auch das
kräftig eingravierte, der Frühzeit des XII. Jahrh.
geläufige Ornamenlband namentlich mit den
durchbrochenen Zwickelverzierungen derHildes-
heimer Scheibenkreuze große Verwandtschaft
zeigte. Der, vielleicht mit der Tunika be-
kleidete, Christus, für den der Kreuznimbus in
Gold belassen wurde, ist leider verschwunden.
Abb. 2. Graviertes Rotkupferkreuz
von 23 cm Höhe mit ausgehobenen Ver-
senkungen für das leider nur noch in Resten
vorhandene (Gruben-) Email. Der Rand des
Kreuzes ist ausgekerbt, der gravierte Kruzi-
fixus mit seinem Kreuz im Nimbus, mit
der Inschrifttafel und den Scheidungslinien

ausgespart, und in der schmaleren Kreuzver-
tiefung mit ausgestichelten Stiften versehen, die
nicht nur den Zweck hatten, auf dem so ge-
rauhten Fond den Schmelz besser haften zu
machen, sondern auch als Goldpunkte die
emaillierte Fläche zu beleben, eine gerade für
die Hildesheimer Werkstätte sehr bezeichnende
Technik. Auf diese weist auch deutlich genug
die Figur des Gekreuzigten hin, die einer-
seits den lang fortwirkenden Einfluß von der
Rückseite des St. Bernwardkreuzes verrät,
andererseits die byzantinische Strömung, die
nach der Mitte des XII. Jahrh. zunächst in
der Miniaturmalerei einzusetzen begann und
bis tief in das XIII. Jahrh., mit der Ausdehnung
nach Köln, anhielt, wo sie in der Wandmalerei
zu den bewegtesten und dekorativsten Formen
führte. Als ein sehr beachtenswertes Beleg-
stück für die Hildesheimer Art um die Wende
des XII. Jahrh. dürfte mithin dieses merk-
würdige Kreuz anzusprechen sein.

Abb. 3, 4, 5, 6, 7, 8, zumeist defekte
Bronzekruzifixe, von 7 bis 14 '/2 cm Höhe,
scheinen mir als weitere Beispiele angefügt
werden zu dürfen den hier im vorletzten Heft
(Tafel V) abgebildeten und eingehend be-
schriebenen drei Exemplaren. Die etwas
schweren Gliedmaße, deren gedrungene Hal-
tung, die Betonung der Brustwarzen und Rippen,
die Schürzung des Lendentuches und andere
früher bereits hervorgehobene Eigenschaften
machen den westfälischen Ursprung wahr-
scheinlich, der vom Beginn des XL Jahrh. bis
zu dessen Ablauf manchen Fortschritt zeigt,
wie in der Bewegung des Körpers, namentlich
des Kopfes, der Arme und Kniee, so in der
Gestaltung (Modellierung, Knotung, Gravierung)
des Schurzes. — Abb. 3 dürfte um 1100 anzu-
setzen sein als durch die starren Formen charak-
teristisches Exemplar; — Abb. 4 als voll-
kommeneres Produkt unmittelbar anschließen ■
— Abb. 5 den Übergang zu den entwickelteren
Formen darstellen, die in Abb. 6 und 7 zwar
etwas derb, aber sehr bestimmt zum Ausdruck
gelangen. — Abb. 8 steht in technischer Hin-
sicht auf keiner hohen Stufe, zeigt aber be-
sonders durch die größere Freiheit in der
Draperie des Lendenschurzes einen gewissen
Fortschritt, der für den Schluß das XII. Jahrh.
spricht. Schnütgen.
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