Zeitschrift für christliche Kunst — 21.1908

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1908. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 8.

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Der neue Stil.

(Fortsetzung.)

ie wird der neue Stil in der Bau-
kunst aussehen ? Zur Beantwortung
dieser Frage muß man sich darüber
klar werden, was ein Baustil ist.
Der Baustil umfaßt vorab eine Anzahl Formen,
die dem Verzierungsbedürfnis des Menschen
entspringen. Wie dem Menschen Hunger und
Durst und andere Bedürfnisse angeboren sind,
so auch das Verzierungsbedürfnis. Es würde
z. B. genügen, wenn der Mensch einen Sack
nähme, in diesen drei Löcher schnitte und
ihn als Rock anzöge. Sobald der Mensch
aber in geordneten Verhältnissen über einige
Mittel verfügt, fängt er an diesen Sack zu
verzieren, eine schönere Form anzustreben,
sich einen besseren Stoff dafür auszusuchen, und
seine Mitmenschen werden gerade so verfahren
wie er. Mag auch dieser oder jener unter
einem Eichbaume darüber philosophieren,
ob all' dies denn nötig wäre und die Verzie-
rungen nicht richtiger fortzulassen oder zu
verdammen wären, das Verzierungsbedürfnis
wird sich immer wieder betätigen. — Zu diesen
Verzierungen der Baukunst gehören vorab die
Ornamente und Gesimse. Nun finden wir zur
Hauptsache zwei Arten von Ornamenten und
Gesimsen. Das sind die der Antike und die
der Gotik. Das antike Ornament wie die
antiken Gesimse und Kapitelle sind zumeist
unverständliche Formen. Beweis: der schon
zurzeit Vitruvs bestehende Streit über diese
antike Formenwelt, und die heftige Fehde,
Semper Bötticher, im vorigen Jahrhundert nebst
deren beiden sich völlig ausschließenden Er-
klärungsversuchen der antiken Formen. Soll
man nun diese uns unverständlichen Einzel-
heiten, diese fremde Laub- und Tierwelt, wie
es die Renaissance in ihren verschiedenen
Gestaltungen getan hat, immer wieder nach-
ahmen und höchstens geringfügig umbilden?
Gibt es kein Mittel diesem verderblichen
Kreislauf des Nachempfindens zu entrinnen
und etwas Eigenartiges zu schaffen, dessen
Daseinsberechtigung man begreift? — Sicher-
lich. Die Gotik hat gezeigt wie jeder ein
eigenes Ornament und eigene Simse schaffen
kann. Die Gotik sagt: Nimm das Laub, die
Blüten, Früchte, das Getier und die Mensch-
heit, welche dich umgibt. Verziere damit
deine Bauten und du brauchst kein Nachbeter
der Griechen zu sein. Dabei wird dem einen

dieses Laub und jenes Tier gefallen, der
andere wird ganz abweichend gestaltete bevor-
zugen. Der eine wird feste Linienführungen
in Ranken und Reihen lieben, der andere
freie Ausfüllung der Flächen. Kurz jeder
Meister kann und wird aus dem ihn umgeben-
den Formenschatz der Natur, der jedem aller-
orts zu allen Zeiten zur Verfügung steht,
machen was er will. Er hat es nicht nötig den
Schatz fremder Zonen, längst untergegangener
Völker, uns unverständlicher Kulturen immer
wieder auszubeuten. — Doch sei gleich hervor-
gehoben : Studieren muß er das, was die Ver-
gangenheit geschaffen hat. Dessen muß er Herr
sein. — Es bleibt ihm aber auch nicht erspart
zu lernen, wie man als Künstler den Natur-
schatz hebt. Denn die Natur abzugießen oder
zu photographieren, gibt noch längst kein Kunst-
werk, geschweige denn ein Ornament für diesen
oder jenen Fleck oder Einzelteil des Bauwerkes.
Damit meine ich jedoch nicht, daß man die
Natur „stilisieren" müsse. Das war der größte
und schlimmste Irrtum des vergangenen Jahr-
hunderts inbezug auf das Ornament, der jede
künstlerische Neuschöpfung unterbunden hat.
Da die griechischen Ornamente fast durchweg
Formen zeigten, welche nur entfernt an Pflanzen-
blätter und Blüten erinnerten, Gestaltungen,
die aus den Naturformen durch irgend ein
unbekanntes Verfahren umgebildet erschienen,
durch „Stilisieren", so glaubte man, daß darin
das Geheimnis der Ornamentbildung läge.
Man begab sich also daran, die Pflanzen um-
zubilden, man gestatte den Ausdruck, zu ver-
renken. Diese Ornamente, besonders von
Malern auf dem Papier gepflegt, nahmen
Stellungen und Bewegungen an, die lebhaft
an Schauspieler auf den Parodietheatern er-
innerten. So kam man natürlich zu keinem
neuen Ornament. — Daß das gotische Orna-
ment oder vielmehr daß derartiges Natur-
ornament allen griechischen und Renaissance-
ornamenten gewachsen ist, kann jeder Künstler
durch die Tat erproben. Aber der Künstler
gehört dazu. Daß er mit dem Natur-
laub, mit dem einheimischen Getier und mit
den Menschenköpfen, welche die Gesichter
seiner Umgebung tragen, die weder gerade
Nasen, noch wagerechte Augenschlitze, noch
runde Augenbrauen haben, ein dankbares
Publikum findet, dessen kann er sicher sein.
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