Zeitschrift für christliche Kunst — 21.1908

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190«. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 8.

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Rheinische Goldschmiedeschulen des X. und XL Jahrhunderts.

eiter rheinabwärts werden die Gold-
schmiedearbeiten des X. und. XI.
Jahrh. seltener. — Vor kurzem
wurde für das Kölner Kunst-
gewerbemuseum eine Buchschließe erworben,
die sich angeblich in Bonn gefunden hatte
(Abb. 3). Dieselbe zeigt in Kupfer gepreßt,
eine figürliche Darstellung; in der Mitte einen
reitenden König, der den linken Arm gegen
einen rechts stehenden Mann ausstreckt. Links
steht die Königin mit erhobenen Armen, in
flehender Haltung. Nach freundlicher Mit-
teilung des Professors Meyer von Knonau in
Zürich handelt es sich wahrscheinlich um einen
Vorgang des Jahres 1020, in welchem Herzog
Bernhard II. von Sachsen in Aufruhr gegen
Heinrich II. getreten war, und nun geschah
die Unterwerfung und Aussöhnung, wie aus-
drücklich bezeugt ist, indem Kunigunde das
Herz ihres Gemahles um Verzeihung bestürmte.

Rein formal würde sich die Gestaltung der
einzelnen Figuren den Arbeiten des Reichen-
auer Kreises anschließen.

In Köln sind merkwürdigerweise so gut
wie keine Denkmäler dieser Zeit erhalten, und
doch müssen gerade hier große Werkstätten
bestanden haben, denn unmöglich können die
großen Klosterwerkstätten des XII. Jahrh. ohne
Tradition gearbeitet haben.

Wie in Trier so werden auch in Köln be-
sonders im X. Jahrh. unter Erzbischof Bruno I.
(t 965), dem Bruder Ottos I., zahlreiche Werke
der Goldschmiedekunst entstanden sein. Für
Xanten ist ein Geschenk Erzbischofs Bruno
von Köln, eine goldene Tafel beglaubigt,16) die
zurzeit der französischen Revolution unter-
ging. Diese Tafel war sicherlich in ähnlicher
Weise wie das schon erwähnte Aachener Ante-
pendium im Stile des Reichenau-Trierer Kunst-
kreises angefertigt, und ist wahrscheinlich Kölner
Ursprunges. Wenigstens deuten die erhaltenen
Beschreibungen eine verwandte Art der An-
ordnung an. In der Mitte thronte Christus
in Gold getrieben, ein Buch in der Hand,
umgeben von den Evangelisten und Propheten.

Zu den einzigen in Köln erhaltenen Denk-
mälern dieser Frühzeit gehörten die bekannte

I6) Vgl. »Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, Kreis
Moers«, S. 107.

III. Köln, Aachen und Essen.

(Mit 7 Abbildungen.) (Schluß.)

Platte mit einem sitzenden Bischof in Zellen-
email vom untergegangenen Severinsschreine
und einige Zellenemailplatten am Dreikönigen-
schreine des Kölner Domes, die sich in orna-
mentaler Beziehung sehr wesentlich von den
späteren Grubenschmelzarbeiten unterscheiden.

In den benachbarten Domschätzen von
Aachen und Essen ist eine ungleich größere
Anzahl von Werken dieser Frühzeit erhalten,
die jedoch sicherlich nicht alle an den Orten
ihrer Autbewahrung entstanden sind.

Das ist besonders wahrscheinlich von der
goldenen Altartafel des Aachener Domes mit
den in Gold getriebenen Bildern des thronen-
den Heilandes, der Gottesmutter und des hl.
Michael, der vier Evangelistensymbole und
zehn Leidensszenen. Der weiche malerische
Stil dieser Arbeiten geht ohne weiteres auf
den Stil der Reichenauer Arbeiten zurück.
Nur mit dem Unterschiede, daß die Figuren
der Aachener Tafel kleiner und verkümmerter
sind. Die eigentliche Blüte dieses Stiles zeigt
der Aachener goldene Buchdeckel mit den
Evangelistensymbolen, und den entsprechenden
Darstellungen der Geburt oder Menschwerdung
Christi, der Kreuzigung, der Auferstehung und
der Frauen am Grabe. Hier ist die Gewand-
behandlung noch von vollendeter Weichheit,
die Durchbildung des Körperlichen noch von
antikischer Beweglichkeit. Daneben bilden
die Szenen der Aachener Altartafel einen Fort-
schritt zu einer mehr starren und strengen Auf-
fassung im Sinne der romanischen Neugestal-
tung, (Abb. 1 und 2).

Arbeiten von ähnlich plastischem Charakter
waren in Aachen nicht bodenständig, dagegen
weisen verschiedene Anzeichen auf Köln. Die
Figurengruppen der späteren Holztür von St.
Maria im Kapital zeigen in sehr verwandter
Durchbildung eine ähnliche Behandlung, die
wohl sicherlich auf den besprochenen Gold-
schmiedestil zurückgeht, oder vielmehr zurück-
gehen muß, denn es gibt keine anderen Werke,
die dieses eigenartige und vereinzelte Denk-
mal erklären würden. Vergleicht man die
Anordnung der Gesamtszenen sowohl wie die
plastische Herausarbeitung einzelner Gestalten
(Christus) der Aachener Altartafel und der
Tür von St. Maria im Kapitol, so finden sich
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