Zeitschrift für christliche Kunst — 21.1908

Page: 125-126
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1908. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 4.

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Einzelglieder stark gewellt, sich am Rande ein
wenig umlegen, sind zu jener Zeit nur im
Steine möglich.

Im Gegensatz zu manchem seiner Ge-
nossen hat der Wassenberger Künstler auch
beim Holze den Meißel vollständig in der Ge-

walt und was er will, weiß er in ihm auszu-
drücken. So gehört sein Werk nicht nur
künstlerisch, sondern auch technisch zu den
hervorragendsten Leistungen der gesamten
frühgotischen Holzbildnerei.

Brühl. Heribert Reiners

Biicherschau.

Michelangelo und die Sixtinische Kapelle.
Eine psychologisch-historische Sludie über die An-
fänge der abendländischen Religions- und Kultur-
spaltung. Von Martin Spahn. Mit 37 Abbil-
dungen und einer Beilage. G. Grote, Berlin 1907.
(Preis Mk. 8.)
Michelangelo und Dante haben von jeher in ganz
exzeptionellem Sinne die Geister beschäftigt, vor allem
die kunsthistorischen, und stehen jetzt erst recht im
Mittelpunkte der Interpretation, zuweilen sogar der ge-
meinsamen. Immer tauchen hierbei neue, sogar grund-
legende Ideen auf, auch und erst recht bei denjenigen
Gelehrten, die mit den Ergebnissen der früheren
'Forschungen vollkommen vertraut sind. — Zu diesen
zählt Spahn, der Profan- und Kunsthistoriker, vor allem
Kulturpsychologe ist, mit dem Bestreben, im Zu-
sammenhange seiner vielgestaltigen Studien, auf eigen-
artigen Wegen zu wandeln, nicht nur die Urkunden
befragend, sondern auch kombinierend auf den Hinter-
grund der Persönlichkeit und der Zeit, vom christlich-
kirchlichen Standpunkte aus. aber nicht in irgendwelcher
konfessionellen Befangenheit. — Für Spahn ist der
Decken- und Wandschmuck der Sixtinischen Kapelle
ein aus dem Geiste der großen mittelalterlichen Auf-
fassung von „wunderbarer Erschaffung und noch
wunderbarerer Erlösung" herausgewachsenes, mit der
Zeitgeschichte und den persönlichen Erlebnissen des
Meisters verschmolzenes "Werk, welches der kritischsten
Periode der christlichen Geschichte (1510—1530), unter
einem großen, aber schwankenden Papste entsprungen,
die Kämpfe derselben reflektiert. — Es gehörte die
ganze Persönlichkeit des gewaltigen Meisters dazu,
diese Aufgabe im Sinne der Kirche zu lösen, die Bibel
nach Maßgabe dieser Ideen in den Bilderkreis hinein-
zuziehen, die Auswahl der Szenen und der Propheten
ihm anzupassen. Was dieser an außergewöhnlichen
Typen bietet, wird von Spahn mit persönlichen Er-
lebnissen des Meisters und mit zeitgeschichtlichen Vor-
fällen sehr geschickt in Verbindung gebracht. — Hier-
bei gewinnt man eigentlich nie den Eindruck des Er-
zwungenen, öfters den des Kombinatorischen, manch-
mal den des Zutreffenden. Bei einer soviele neue Ge-
danken in frappanter Fassung bringenden Analyse kann
nicht jedes einzelne Moment endgültig auf seinen defini-
tiven Wert geprüft werden. So viel steht fest, daß
hier eine Fülle geistvoller Hypothesen geboten wird,
von denen vielleicht keine vollständig beanstandet zu
werden brauchen, manche der Annahme harren dürfen,
z. B. auch die Anknüpfung an die Karfreitagsliturgie.
— Um zu allen diesen Konjekturen zu gelangen, be-
durfte es des tiefen Einblicks in die ganze damalige
von der Renaissance beherrschte Bewegung, in die

Bestrebungen Julius II., in das Gemütsleben seines
Günstlings, in das Revolutionäre der gesamten Zeit-
richtung, aber es bedurfte auch derumfassendstenStudien.
— Eine Geistesfrucht ersten Ranges liegt vor, mit der
die Kunstgeschichte noch lange sich wird zu be-
schäftigen haben. Scbnütgen.

Studien zur deutschen Kunstgeschichte.
Verlag von J. H. Ed. Heitz in Straßburg. — Heft
94. Die Rundkapelle zu Altenfurt bei
Nürnberg. Eine geschichtliche und bauwissen-
schaftliche Untersuchung von D.Fritz Traugott
Schulz. Mit 12 Abbildungen.
Diese von einem Legendenkranze umrankte, durch
ihn auf Karl den Gr. zurückgeführte Kapelle, ein
kuppelbekrönter Rundbau mit Dreiviertelkreis - Apsis
wird hier auf Grund der Urkunden und der sorgsamen
Bauanalyse in die Mitte des XII. Jahrh. versetzt. Fast
noch wertvoller als dieser Nachweis, ist die Ver-
gleichungmit sonstigen Zentralanlagen nicht nur Bayerns,
wie die karolingischen in Altötting, Würzburg, Ludwig-
stadt, die romanischen in Regensburg, Perschen, Stein-
gaden, sondern namentlich auch Italiens, wo die Bapti-
sterien und Grabkapellen mit Vorliebe zentral behandelt
wurden. — In Böhmen wurde auch für die Karner
gerne diese Form gewählt, und mit solchen zeigt die
Altenfurter Kapelle die meiste Verwandtschaft. — Da
sich solche runde und polygone Bauten, die vielleicht
auf die Grabkirche in Jerusalem und sonstige orienta-
lische Anlagen zurückgehen, auch in andern Ländern,
z. B. in den nordischen, mehrfach erhalten haben, so
wäre der durch diese vortreffliche Studie gebotene
Fingerzeig auf zusammenfassende wissenschaftliche Be-
handlung besonderer Beachtung wert. Schnütgen.

L'Eglise Abbatiale de Saint-Denis et Ses
Tombeaux. Notice historique et archeologique
par PaulVitry et Gaston Briere. — Longuet,
Paris 1908.
Dieser in jeder Hinsicht vortreffliche Führer macht
in seinem ersten Teil mit der Entwicklungsgeschichte
der berühmten Kirche und Abtei von ihren ersten
Anfängen im VII. Jahrh. bis zu ihrer Verwüstung
während der Revolution und bis zu ihrer Herstellung
bekannt, um eine Beschreibung des Bauwerkes anzu-
schließen. — Der zweite ebenso lange Teil ist den
Grabdenkmälern gewidmet, dem Überblick über ihre
Entstehung im Mittelalter, und in der Folgezeit, bis
zu den Zerstörungen durch die Revolution und bis zu
dem Restaurationswerk. — Die chronologische Be-
schreibung der einzelnen Epitaphien, die 50 Seiten
umfaßt und reicher illustriert ist, als der I. Teil, ist
von besonderem Wert, da die beiden Verfasser zu den
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