Zeitschrift für christliche Kunst — 21.1908

Page: 123-124
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zchk1908/0077
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
123

1908. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 4.

124

Als echtes Erzeugnis der He de la France sei
zum Vergleiche auf die Maria der wenig
älteren Elfenbeingruppe der Krönung im
Louvre hingewiesen, während wir hier eine
charakteristische Figur des Maasgebietes vor
uns haben. Daß man dort ihren Entstehungs-
ort suchen muß, zeigt die Geschichte des
ehemaligen Stiftes. Nach der Schlacht von
Worringen, 1288, kam neben Limburg auch
die bedeutende Grafschaft Wassenberg in den
Besitz des Herzogs von Brabant, dessen Nach-
folger sie 1311 wieder an Jülich verpfändete.
In diesem Zeiträume, von 1288—1311 ist

das Todesjahr Johann I. gegeben ist. Die
enge, künstlerische Verbindung, die Brabant
stets mit der He de la France hatte, macht
den starken französischen Einfluß hinreichend
verständlich.

Das Kostüm des Stifters bestätigt einiger-
maßen die Richtigkeit der Datierung. Seine
Schultern sind mit eigenartigen Plättchen be-
legt, den alten Vorläufern der modernen Epau-
letten, die in der Zeit von 1280 — 1320 üblich
waren. Für diese frühe Zeit ist es freilich eine
erstaunliche Leistung, die uns hier in der Holz-
bildnerei entgegentritt, und die nur erklärlich

jedenfalls das Gestühl gefertigt worden, und
zwar höchst wahrscheinlich im direkten An-
schluß an die wichtige Entscheidungsschlacht.
Das würde auch die sonst ungebräuchliche
Art der Darstellung des Stifters erklären,
in dem wir alsdann den damaligen Herzog
von Brabant, den kunstsinnigen Johann I.
erblicken müssen, links, wie er zur Schlacht
reitet, rechts, wie er nach erlangtem Siege der
Madonna dankt und ihr darauf als Weihegabe
dieses Gestühl widmet. Und dann war die
Schenkung des Gestühls eine willkommenes
Mittel, um die neuen Untertanen, die Stifts-
herren sich geneigt zu machen. So darf man
wohl die Jahre 1288—90 als Entstehungszeit
betrachten, während als äußerste Grenze 1294,

wird durch die Annahme, daß ein Steinbildhauer,
der auf der Stilstufe der Baukunst stand, nicht
der Tischlerei, dieses Werk geschaffen und
seinen Steinstil auf das Holz übertragen hat.2)
Man sieht, wie das Werk aus dem Block
herausgehauen ist, wie ein großer Zug das
Ganze durchweht, der alles Kleinliche, wie das
Schnitzmesser es mit sich bringt, fern hält. Für
die Urheberschaft eines Steinmetzen spricht
auch die Form der Blätter. Sowohl das leicht
quellende Blatt, das die linke Volute schließt
und an den Miserikordien wiederkehrt und
ebenso die tief ausgekehlten Rosetten, deren

a) Diese Steinarbeit ist ein charakteristisches Merk-
mal aller westlichen Gestühle im Gegensatz zu der
Brett- und Kastenkonstruktion des Ostens.


loading ...