Zeitschrift für christliche Kunst — 21.1908

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1908. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 9.

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Bücherschau.

Alois Rieg], Die Entstehung der Barock-
kunst in Rom, akademische Vorlesungen, aus seinen
hinterlassenen Papieren herausgegeben. Wien 1908'
Die Schüler des allzufrüh dahingeschiedenen Ver-
fassers, die in Begeisterung für Riegls Vorlesungen über
die italienische Barockkunst an der Wiener Universität,
hier seine Kollegienhefte veröffentlichen, haben damit
dem Andenken des tiefgründigen Forschers einen mehr
als zweifelhaften Dienst geleistet. Sie vergessen, daß
zwischen den Niederschriften, die der akademische
Lehrer sich zu verschiedenen Zwecken des Katheder-
vortrags anlegt, und einem gleichmäßig ausgestalteten
lesbaren Buch noch ein empfindlicher Abstand bestehen
mag. Wie weit man solche Unterlagen des gesprochenen
Wortes schriftlich ausführt, hängt nicht allein von
Temperament und Arbeitsweise des Einzelnen ab,
sondern auch vom Grade der Herrschaft über den
Stoff, von erneuter Autopsie der Denkmälerreihen,
von wiederholten Anläufen zur Bewältigung inzwischen
erschienener Literatur. Aus dem unreifen, für die
Veröffentlichung vielfach ungeeigneten Zustand hinter-
lassener Papiere soll deshalb gewiß kein Vorwurf ab-
geleitet werden, wohl aber aus der Unüberlegtheit,
den vorgefundenen Wortlaut nicht auf seine Zufluß-
quellen genauer geprüft, und nicht ausgeschieden zu
haben, was die Beurteilung auch pietätvoller Augen
angesichts der Vorarbeiten Andrer kaum verträgt. Der
Sachkundige sieht überall, wie der eifrige Denker mit
dem gewaltigen Stoff, in den er sich selbst erst ein-
arbeiten mußte, und mit den vorausgegangenen oder
dazwischen erschienenen Darstellungen seiner Vorgänger
zu ringen und zu kämpfen hat, — wie er sich in
Widersprüche verwickelt, die erst bei allmählichem
Ausreifen überwunden werden konnten, und Einsichten
anerkennen lernt, die er zuerst nicht wahrhaben wollte.
Die letzte Redaktion ist im Winter 1898/99 vorgetragen
worden.

In der Einleitung für die Hörer, der kritischen
Besprechung der Fachliteratur und der alten Quellen-
schriften, d. h. in drei Anfangskapiteln wird viel zu viel
in Parenthesen vorausgenommen, was erst aus den
Denkmälern der Zeit selbst, als den Urkunden des
Kunstwollens, erbracht werden durfte. Gerade An-
fänger werden durch solche Vorwegnahme, so liebens-
würdig das Hervorsprudeln an unrechter Stelle auch
sein mag, in Vorurteile eingefangen. Das ist der
Fehler jeder systematischen Behandlung einer Aufgabe,
die nur historisch d. h. in genetischer Entwicklung gelöst
'werden kann. Solche Mißgriffe würde Riegl selbst
bei der Veröffentlichung seines Ganzen gewiß aus-
gemerzt haben.

Die Herausgeber haben sich nicht einmal der Mühe
unterzogen, die fast wörtlichen Wiederholungen aus
Büchern andrer Fachgenossen festzustellen. Sie haben
die Warnung an die Anfänger vor schwieriger Lektüre
zu sehr beherzigt, auch nun noch, wo sie an Stelle
des Lehrers traten, und scheinen Übereinstimmungen
nicht geahnt oder in ihrer Tragweite gamicht verstanden
zu haben, die Riegl selbst im Verlauf des eigenen
Fortschritts gewiß immer deutlicher zum Bewußtsein
gekommen wären. Ein entscheidendes Beispiel für den

Anteil der Plastik am Barockstil steht S. 32
über Michelangelo und die Medicigräber, zugleich grund-
legend für die weitere Konsequenz in der zweiten
Periode mit Bernmi, die schon S. 8 zum Ausdruck
kommt. (Vgl. m. Barock und Rokoko, 1897 S. 53 ff.)
Genau so würde ihm die Wichtigkeit der Malerei für die
weitere Geschichte des Barock aufgegangen sein ; selbst
wenn die italienische zeitweilig zurücktrat, war doch
die Bedeutung eines Rubens für die Gesamtentwicklung
zu gewaltig, um irgendwo außer Betracht zu bleiben.
Eben deshalb ist die Publikation eines unfertigen
Bruchstücks so garnicht im Sinne des großangelegten
Plans, den Riegl selbst durchmessen wollte.

Der Mitarbeiter auf demselben Gebiet kann sich
freilich keinen Augenblick verhehlen, wie Gesichts-
punkte und Kriterien, die aus langjähriger Beschäftigung
mit der spätrömischen Antike, mit dem Orient oder
der Frühzeit der Barbarenkunst gewonnen waren, hier
auf einmal und allzu unvermittelt auf die fortgeschrit-
tenen Erscheinungen des XVI. und XVII. Jahrh. an-
gewandt werden.1) Und zweifellos klafft hier eine
weite Kluft in dem Wissensgebiet und damit in den
historischen Zusammenhängen, die das Verständnis einer
so späten Periode voraussetzt. Vereinzelte eingestreute
Urteile über die Kunst des Mittelalters (z.B. S. 33, 74f.)
bezeugen, daß die Vertrautheit mit ihrer Geschichte
nicht reicht; sie könnten sonst ohne Rücksicht auf
Dehios Charakteristik des romanischen Baustils, ins-
besondere der Gruppierung, oder so ganz ohne Ver-
ständnis für verbindende Auffassung optischer Art, im
Verlauf der Gotik, nicht fallen. Empfindlicher wirkt
dieser Mangel an Vertrautheit mit den Bestrebungen
der Renaissance. So sucht R. „die perspektivischen
(echt fernsichtigen) Neigungen" als etwas ganz Neues
bei Michelangelo (vgl. 122 mit S. 34), während jeder
Kenner der Frührenaissance sie positiv wenigstens auf
Brunelleschi zurückverfolgen muß, (ganz abgesehen, ob
R.'s. Auslegung bei Pal. Farnese so richtig ist, oder ob
moderne Auffassung dabei mitspielt). Mit der gewalt-
samen Aneinanderschiebung der späten Antike und des
neuen Barockstils in Italien, die sich in Riegls Geist
vollziehen mußte und so auf dem lebhaft ergriffenen,
aber so viel moderneren Arbeitsgebiet störend nach-
wirkt, hängen dann unfertige Spekulationen zusammen,
die bei der heutigen Eifersucht der Nationalitäten nur
Unheil stiften können, sobald man geistreiche Einfälle
für ernste Resultate historischer Forschung nimmt und
— drucken läßt. Wir lesen da den Satz: „daß die
sogenannte germanische Kunst immer nur dann
einen großen Schritt nach vorwärts getan hat, wenn
sie vorher etwas von den romanischen Eigentümlich-
keiten in sich aufgenommen hat. Das liege daran,
daß die Indogermanen im Grunde den bildenden
Künsten passiv gegenüberstehen" (S. 2). Wenige
Seiten später wird von den Franzosen geurteilt, sie hätten
zwar die Nachfolge der Italiener in der Führung der
europäischen Kunstvölker übernommen; aber „diese
zwei Jahrhunderte haben nicht ein einziges so originales,

■) Die grundlegende Analyse der Medictkapelle r, B. Ist
widerspruchsvoll, und ohne Rücksicht auf die ursprüngliche
Absicht und auf das Ganze ebenso unzulässig wie verfehlt.
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