Zeitschrift für christliche Kunst — 21.1908

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1908. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nt. 12.

360

Das Rationale bei den Bischöfen von Augsburg-.

(Mit Abbildung.»

m Bayerischen Nationalmuseum be-
findet sich ein schönes Grabmal
des hl. Simpertus, Bischofs von
Augsburg. Es stammt aus Augs-
burg, von wo es nach München kam, wurde
1492 angefertigt und gilt
als Arbeit des Meisters
vom Horlindendenkmal.
DieFigurdeshl. Bischofs
ist nach Brauch in vol-
lem Pontifikalornat dar-
gestellt und zwar merk-
würdigerweise auch mit
dem Rationale.1) Das-
selbe hat die Form
einer die Schultern um-
ziehenden, reich mit
Rankenwerk ornamen-
tierten Binde. Vor der
Brust und auf den Schul-
tern ist es mit großen,
symbolische und figür-
liche Darstellungen ent-
haltende Rundscheiben
geschmückt, unterhalb
deren kurze, mit Fran-
sen besetzte Behänge
angebracht sind. Daß
es sich bei dem Schul-
terschmuck um das
Rationale handelt, kann
nicht zweifelhaft sein.
Gleiche oder verwandte
Form zeigt das Ornat-
stück auch auf Eich-
stätter, Würzburger und
Regensburger Bildwer-
ken. Nichtsdestoweniger
hat mich seiner Zeit die
Grabfigur nicht veran-
lassen können, unter
die deutschen Bischöfe,

!) Es sei auch noch auf eine andere Eigentümlich-
keit bei der Gewandung der Grabfigur aufmerksam
gemacht, die eigentümliche Befestigung des Manipels,
die sich auch auf dem Grabmonument des Domscholasters
Konrad Bartscher (j 1493) im Kreuzgang des Domes
zu Augsburg nachweisen läßt, ferner bei den Grab-
figuren des Abtes Johann Rubler (Ende XV. Jahrh.),
im Kirchensaal des Kgl. Bayerischen Nationalmuseums
und des Abtes Adam Leberwurst (-f 1696) in der
ehemaligen Abteikirche zu Jrsee bei Kaufbeuren.

bei welchen das Ornatstück im Mittelalter in
Gebrauch war, auch die Augsburger zu rechnen.
Es war mir nämlich nicht gelungen, für die
Verwendung des Rationale von seiten der
Bischöfe von Augsburg einen weiteren Belag
zu entdecken, die Grab-
figur allein aber erschien
mir nicht als genügen-
der Beweis, weil das
Rationale bei derselben
ja seine Existenz ledig-
lich der Phantasie des
Künstlers verdanken
konnte. Ist ja doch
z. B. auch einer der
Mainzer Erzbischöfe auf
seinem Grabmonument
im Mainzer Dom,
Konrad von Weinsberg
(1390-1396)-statt mit
einem Pallium mit einem
Rationale bekleidet. Ich
war indessen im Unrecht.
Das Ornatstück muß
wirklich um das Ende
des Mittelalters von den
Augsburger Bischöfen
getragen worden sein.
War es doch noch 1567
bei denselben in Ge-
brauch, wie ich in
jüngster Zeit durch die
handschriftlichen Akten
der Diözesansynode von
Dillingen, die am 15.
April 1567 unter dem
Fürstbischof Kardinal
OttoTruchseß von Wald-
burg gefeiert wurde,
mit aller Bestimmtheit
feststellen konnte. Zu
diesen im Ordinariats-
archiv zu Augsburg noch vorhandenen Akten
gehört auch eine „Ordo et distinctio omnium
agendorum in Synodo" betitelte Anweisung
über die bei der Synode zu beobachtende
Rangordnung, über die gottesdienstlichen
Funktionen, die Kleidung der Teilnehmer
an der Synode usw. Der Weihbischof soll
Pontifikalkleidung anziehen, die Prälaten haben
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