Zeitschrift für christliche Kunst — 21.1908

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1908. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 5.

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so liegt es der flachen Auffassung des Durch-
schnittsmenschen am nächsten, an kilometer-
fressende Automobile oder das blaue Band
des Ozeans, an die Millionen des Industrie-
und Bankverkehrs oder an die Riesen Ziffern
der Statistik zu denken. Der schlichte Sinn
der alten Zeit wußte klarer und unmittel-
barer als unsere kultivierte Gegenwart den
Wert zu erkennen, der in der kurzen Zahlen-
reihe von eins bis zehn für uns alle enthalten

ist. Und wenn die klugen Leute von heut-
zutage über diese „Spielereien" der Vergangen-
heit gern hochmütig als über Unsinn aburteilen,
so tun wir gut, uns gelegentlich daran zu er-
innern, daß in ihnen Jahrhunderte hindurch
die Kräfte der Phantasie und des Gemüts
Befriedigung fanden, und daß die Zahlen-
symbole ihren Urhebern selbst nur ein Gleich-
nis waren und weiter nichts.

Berlin. Ernst v. Moeller.

Der Thron Salomos in ältester Form.

(Mit Abbildung.)
n Brixen hat sich das Bild eines ! der schlanken, achtseitigen Kuppel, welche

alten, deutschen Münsters in seinen
wesentlichen Umrissen noch gut
erhalten. Den größten Raum und
die ausgezeichnetste Stelle nimmt die Dom-
kirche ein. Ihre ursprüngliche Anlage in
Form des lateinischen Kreuzes mit später an-
gefügtem frühgotischen Chore, der in sieben
Seiten eines Zehnecks abschließt, hat auch
der Umbau in neuerer Zeit nicht verwischt.
An der Fassade flankieren noch zwei mäch-
tige Glockentürme das modernisierte Haupt-
portal. Daran schließt sich auf der Südseite
die ehemalige bischöfliche Wohnung, (seit
1807 weltliches Amtsgebäude) mit der bischöf-
lichen Kapelle, der heutigen Frauenkirche.
In gleicher Lage zieht sich vom Chore und
südlichen Kreuzesarme des Domes der Bruder-
hof d. h. die einstige gemeinschaftliche Wohnung
der Kanoniker (in südlicher Richtung) hin und
bildet den östlichen Abschluß des Münsters.
Zwischen diesen genannten Gebäuden liegt
der Kreuzgang mit seinen gefälligen Säulen-
hallen; dessen Südseite begrenzt die Johannes-
Taufkapelle.

Deren erste Bauanlage ist mit Ausnahme
des später eingesetzten gotischen Gewölbes
und eines aufgesetzten Turmes unversehrt auf
uns gekommen. Ihr Bau ist so interessant,
daß wir desselben kurz gedenken müssen.
An das Schiff im länglichen Viereck schließt
sich ein Querschiff an, das aber nach außen
nicht vorspringt, sondern nur durch Ecklisenen
kennbar gemacht ist. Die kleine Apsisnische
liegt in der Dicke, der mächtigen Ostwand
des Querschiffes, so daß sie nach außen kaum
bemerkt wird. Im Aufriß tritt uns byzantinisch-
lombardisches Element entgegen, nämlich in

mitten im Querschiffe auf einem vierseitigen
Unterbau mit gewölbten Einsatzwinkeln sich
erhebt. Die Verhältnisse sind sehr schön und
genau durchgeführt, aber die Ausführung zeigt
eine rohe und ärmliche Arbeit, nirgends ge-
hauene Steine, was alles auf ihr hohes Alter,
aus der Zeit vor dem ersten Jahrtausend
schließen läßt, da das bischöfliche Münster
unler Bischof Richbert (956—976) bereits be-
standen hatte. [Tinckhauser, Beschreibung der
Diözese Brixen I, 113.]

Die bischöfliche Kapelle wie die Taufkapelle
wurden bald nach der infolge einer Feuers-
brunst notwendigen Wiedereinweihe des Domes
an den Wänden bemalt. Einen besonders
reichen Gemäldeschmuck erhielt die Tauf-
kapelle. Die darin erhaltenen ältesten Ge-
mälde bedecken die oberen Flächen der vier
Schiffswände, während die ältesten des Chores
oder des Querschiffes jünger sind und über-
haupt mit ersteren in keinem näheren Zu-
hammenhang stehen. Leider hat man im
Schiffe später, wie bemerkt, für die flache
Holzdecke ein Gewölbe mit kräftigen Rippen
in Kreuzesform eingesetzt, mit dessen Ansätzen
einzelne Figuren teilweise zugedeckt, das eine
Fenster an der Südseite erweitert, das andere
vermauert und überdies noch alle Gemälde
übertüncht! Kam nach der Bloßlegung in
den letzten Jahren das Ganze einigermaßen
in beschädigtem Zustande zum Vorschein, so
waren doch Köpfe, Hände, Gewandwurf,
Farben derart erkennbar, um sich eine genaue
Vorstellung von Inhalt und der Charakteristik
der ungemein interessanten symbolischen Ge-
mälde machen zu können. Sehr zu bedauern
ist, daß von den vielen Inschriften nur ganz
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