Zeitschrift für christliche Kunst — 21.1908

Page: 363-364
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1908.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 12.

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als Verzierung bildlichen Schmuck, die meisten
in Relief, einige wenige in Email. Mit reichem
figürlichem Schmuck unter zierlicher Architektur
und zugleich mit Perlen in Form vierblät-
teriger Rosettchen ist besetzt die ebenerwähnte
Agraffe mit der Verkündigung im Münster zu
Aachen. Eine Schließe, die alles figürlichen
Schmuckes entbehrt und nur Steine und
Perlen als Verzierung aufweist, fand ich jüngst
in St. Peter zu Salzburg. Es ist die einzige
dieser Art, die mir bisher bekannt wurde,
während es doch im Mittelalter deren sehr
viele gegeben hat, wie Inventare und Monu-
mente bekunden, allerdings darum auch um
so interessanter und
bemerkenswerter.

Die Agraffe hat
die Form einer zwölf-
blätterigen Rosette.
Die aus vergoldetem
Silbergemachten, lang-
gezogenen Blätter sind
an den Enden nach
aufwärts gebogen und
mit den Spitzen nach
innen umgeschlagen.
Den Kern der Rosette
nimmt ein großer acht-
eckig geschliffener
Bergkristall in derber,
einen flachen Blatt-
kelch imitierender Fas-
sung ein. Der übrige
Raum ist, und zwar ohne Rücksicht auf
die Grundform der Rosette und lediglich
im Anschluß an das Achteck des Kristalls,
mit Perlen, Halbedelsteinen, Glasflüssen und
Kügelchen aus Lapis lazuli und Antiko
verde ausgefüllt. Den Schmalseiten des
Kristalls entsprechen vier große Steine, zwei
grüne und zwei gelbe, den Breitseiten
ein kleiner Granat, umgeben von Perlen und
den vorhin erwähnten, mit Goldpunkten, und
Goldsternchen verzierten auf langen, gebogenen
Stielen befestigten Kügelchen. Der materielle
Wert der Agraffe ist nicht allzu bedeutend,
ihre Wirkung aber vortrefflich.

Angefertigt wurde die Agraffe 148(7?)
unter Abt Rudbert Keutzl. Der an der Rück-
seite angebrachte Haken trägt nämlich die
Inschrift: Inicium sapiencie timor domini.

Eccli primo. Rudber(ti) abbatis persto ego jussu
suo 148 (7 P).1) Sie ist zweifellos das Werk
desselben Meisters, welcher 1487 laut den
noch vorhandenen Abrechnungen den herr-
lichen Stab des Schatzes schuf, des Salzburger
Goldschmiedes Berthold von Blaubeuren.
Denn auch dieser Stab trägt die Inschrift:
Inicium sapienciae timor domini. Eccl. prim.
Rudberti Abbatis persto ego jussu suo anno 1487.
Der ganze Stab ist 2 m hoch, Nodus und
Krümme 63 cm. Der hohle, in vier Teile zer-
legbare Schaft wird durch einen sechsseitigen,
mit gravierten Figuren (Ecce homo, Engel mit
Leidenswerkzeugen) geschmückten und mit
gedrücktem, stark aus-
ladenden Arkaturen
besetztem Becher zum
Nodus übergeleitet,
einer luftigen, hoch
aufgezogenen Kapelle,
die an allen sechs
Seiten unter zierlichen,
mit spätgotischen Ran-
ken gefüllten Bogen
ein vorzüglich gear-
beitetes Statuettchen
(Christus, Maria, Hei-
lige) enthält. Die
Krümme ist auf dem
Frist mit zehn kräf-
tigen aber sehr elegan-
ten Krabben, in den
Rinnen der Seiten mit
feinem Rankenwerk verziert. In der Schnecke
steht unter spätgotischer Ardade die hl. Katha-
rina; unterhalb der Krümme kniet unter
einem Baldachin ein Mönch, wohl der Stifter.
Dem Meister Berthold dürfte auch die Fassung
der Steine und die Metallmontierung der
mit zahlreichen großen Steinen und einer
Unmenge kleiner Perlen besetzten Mitra des
Schatzes zuzuweisen sein, in der Art der Deko-
ration das Gegenstück der Agraffe, und ebenfalls
eine Arbeit aus dem Ende des XV. Jahrh.;
1494 schuf der Meister für Abt Rudbert das zier-
liche, silbervergoldete mit Reliefbildchen aus
Perlmutter köstlich geschmückte Hausaltärchen,
eines der reizendsten Stücke des Schatzes.
Luxemburg. Jos. Braun S. J.

!) Die letzte Zahl ist stark abgeschliffen und darum
ihre Lesung nicht ganz sicher.
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