Zeitschrift für christliche Kunst — 21.1908

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1908. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 4.

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der Äbtissin Theophanu (1039—1056) den
Weg zeigte, der Vorgängerin der zweiten
Mathilde, kurz vor 1100. Das vierte von
dieser geschenkte Kreuz knüpft an das erste
(also wohl um ein Jahrhundert ältere) an,
ohne es aber an künstlerischer und technischer
Vollkommenheit zu erreichen. Wie weit steht
hinter dem malerisch in Gold getriebenen Kruzi-
fixus des ersten mit seinem weich modellierten,
fein empfundenen Körper, mit seinem edel
geformten Haupt und plastisch durchgeführten
Lendentuch der hart und handwerksmäßig
gestaltete, wenig Empfindung verratende Korpus
zurück, trotzdem jener diesem als Vorbild ge-
dient hat! Die Essener Werkstatt, wenn
überhaupt das erste Kreuz aus ihr hervor-
gegangen ist, hatte inzwischen, je mehr sie
sich zeitlich von dem byzantinischen Einfluß
entfernte, Rückschritte in der künstlerischen
Tüchtigkeit gemacht, wie durchschnittlich das
XI. Jahrh. dem X. gegenüber als eine Periode
des Rückganges betrachtet werden muß, frei-
lich auch des Überganges zu der selbständigen
Entfaltung germanischen Geistes in den Ge-
bilden der Kunst. — Übrigens sind die An-
klänge des bronzegegossenen Christus an den
goldgetriebenen, insoweit es sich namentlich
um Proportionen, Haltung und Bewegung,
also um die mehr äußeren Merkmale handelt,
ganz unverkennbar, wenn jener auch ursprüng-
lich für dieses Goldkreuz nicht bestimmt ge-
wesen sein sollte, auf dem die in Goldblech
deutlich zurückgebliebenen Spuren eine andere
Haltung der Arme dokumentieren. Die derbere
Nachbildung scheint nach Helmershausen ge-
kommen zu sein und hier weitere Pflege und
Verbesserung gefunden zu haben. — Der läng-
liche, im Profil stark betonte Kopf zeigt sich
auch bei Nr. 1, und das Perizonium, welches
vorn geknotet, an den Seiten umgeschlagen,
in den flachen Partien weniger modelliert als
eingeschnitten behandelt ist, nach Art der
älteren romanischen Skulptur bis gegen 1150,
hat mit jenem die größte Verwandtschaft,
nicht minder das Knollige der Kniee, die
Einschnürung der Lenden und die Betonung
der Rippen. Abweichend ist nur das Haar-
gesträhn, welches hier in den Rücken herab-
fließt, während es dort, gemäß einer älteren,
noch bei dem Hildesheimer und Berliner Kreuz
beibehaltenen Tradition, auf die Brustwarzen

herabfällt. — Aus allen diesen Gesichtspunkten
dürfte sich die Berechtigung ergeben, Nr. 1
in den Anfang des XII. Jahrh. und in die
Werkstatt von Helmershausen zu verlegen.
Nr. 2 (ebenfalls 20 cm hoch) aus hellerer
Bronze gegossen, in ursprünglicher hellgelber
Vergoldung, zeigt, dem Wesen nach, denselben
Typus in der Gestaltung, namentlich in Kopf-
haltung und Gesichtsausdruck. Der Bart ist
mehr perückenartig geriffelt, wie das ganz
dünne Haupthaar; die Arme sind etwas stärker
gebeugt, viel plastischer die Falten des breiten,
die Lendenbewegung geschickt markierenden
feierlichen Lendenschurzes, der in seiner kräf-
tigen, weichen Modellierung den um die Mitte
des XII. Jahrh. einsetzenden Fortschritt in der
Gewandbehandlung deutlich erkennen läßt.
In dieser Hinsicht zeigt er Verwandtschaft
mit dem Korpus an dem Kreuz aus Fritzlar,
welches vor kurzem aus der Sammlung Boy
in das Frankfurter Kunstgewerbemuseum ge-
langt ist. Der Vorzug einer großen Empfindung
und monumentalen Würde läßt sich bei diesem
Korpus nicht verkennen, der um die Mitte des
XII. Jahrh. aus dem Helmershausener Betrieb
hervorgegangen sein dürfte.

Nr. 3 (nur 17 cm hoch) zeigt mit Nr. 1
und 2 manche in der gangen Anlage, wie
in den Einzelheiten begründete Analogien,
die auf Helmershausener Ursprung hinweisen,
aber erst gegen den Schluß des XII. Jahrh.
Hierauf deutet namentlich das im Tode ge-
schlossene Auge, der stärker hervorgehobene
Bart, das leise gewellte Haupthaar, die outrierte
Brust und das tief gefurchte Lendentuch mit
den eingeritzten bortenartigen Verzierungen.
Die Bronze hat einen rötlichen Schimmer und
hochgelbe Vergoldung, und wie aus der Leichtig-
keit des Gusses, so aus dessen Schärfe ergibt sich
eine vorgeschrittene Beherrschung der Technik.
Sämtliche drei Kruzifixe entbehren leider
der Kreuze, auf die sie ursprünglich zum
Altar- bezw. Prozessionsgebrauch befestigt
waren. — Die aus Kupferplatten geschnit-
tenen, durch Umrandungsleistchen verstärkten
Kreuze mit den quadratischen oder rechteckigen
Balkenendigungen zur Anbringung von Reliefs
oder Gravuren, wie sie sich mehrfach, auch in
Hildesheim und Fritzlar erhalten haben, liefern
den bezüglichen Kombinationen die hin-
reichenden Unterlagen. Schnütgen.
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