Zeitschrift für christliche Kunst — 21.1908

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1908. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST

Nr. 7.

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worden. Die Gotiker bemühten sich, die
Nichtigkeit all der antiken Formen nachzu-
weisen. Ob griechisch, römisch oder italienisch,
alles das seien Formen, die nicht aus dem
Bauen heraus entständen, die den Bauten nur
aufgedrungen wären nach dem Leitsatz: Es
könnte so sein, es ist aber nicht so. — Da-
durch untergruben sie allerdings den bis dahin
felsenfesten Glauben an die antiken Einzel-
heiten und arbeiteten der „modernen" Kunst
vor. Aber die Modernen befolgten die mittel-
alterlichen Lehren nur stückweise. Sie warfen
wohl die antiken Formen über Bord, sie suchten
auch nur das zu machen, was notwendig war,
sie verwendeten sogar das Naturlaub, aber
über allem lagert der Mehltau zu großer Willkür,
und der Mangel an Überlieferung sieht bei-
nahe nach Mangel an Schulung aus. Das springt
sofort bei dem Ornament in die Augen. Natur-
laub ist zu allen Zeiten und in allen Stilen
modelliert worden, aber überall leuchtet Liebe
und Bemühen für die Schönheit der Umrisse
und der Massen wie für den richtigen Maß-
stab hervor. Das ganze Gegenteil scheint heut-
zutage beliebt zu sein.

In ähnlicher Weise verhält es sich mit den
Simsen. Schöne Profilierungen waren der Stolz
und die Stärke eines jeden Stiles an den
Monumenten wie an den Erzeugnissen der
Kleinkunst. Fast sieht es aus, als ob heutzu-
tage die Baukunst nicht mehr von Baumeistern,
sondern von Kunstgewerblern betrieben würde,
von Kunstgewerblern, die von Malern erzogen
sind, ohne selbst deren künstlerische Fähig-
keiten zu besitzen. Während das deutsche
Kunstgewerbe sich unter der Leitung der Bau-
meister vor zwanzig Jahren auf eine große
Höhe geschwungen hatte, sodaß es die über-
mächtige Einfuhr aus dem Auslande, besonders
aus Frankreich, fast völlig verdrängt hatte, ist
es nach Beseitigung der Baumeister zu einer
solchen Formlosigkeit herabgesunken, daß es
den eigenen Freunden Schreck und Abscheu
einflößt. Auf diese Weise entsteht kein neuer
Stil. Für den Baumeister gibt es nur zwei
gangbare Wege: Entweder man greift zu einer
der verschiedenenen Ausdrucksweisen der
Renaissance zurück einschließlich der Zeit
„um 1800" oder man befolgt die gotischen
Grundsätze ohne gerade die Gotik, so wie sie

uns das Mittelalter hinterlassen hat, nachzu-
bilden. Der Schlachtruf kann nur weiterhin
lauten: Hie Renaissance, hie Gotik. Entweder
man versucht, weiterhin die antiken Einzel-
heiten mit ihrer hinreißenden Formenschönheit
den neuzeitlichen Baukörpern anzupassen oder,
man zeigt die erforderlichen Bauteile so wie
sie sind, und schmückt sie mit dem Laub und
dem Getier der Heimat, gibt aber aller Willkür
den Laufpaß. — Ja, wie sehen aber die er-
forderlichen Bauteile aus? — Das hat uns die
Gotik gezeigt. Entkleidet man sie der beson-
deren gotischen Formen, dann zeigen sich die
Baukörper, wie sie durch die Konstruktion,
das Material und die Witterungsverhältnisse
erfordert werden. Ein jeder kann sie dann
wieder nach seiner Art ausschmücken. Will
einer auf die reizvollen, antiken Verzierungs-
weisen nicht verzichten, dann nehme er diese,
und es wird auch so etwas neues entstehen,
welches allen Renaissance-Nachahmungen weit
überlegen ist. Aber man muß die mittelalter-
liche Gotik studieren, und zwar in ihren pro-
fanen Schöpfungen. Daran aber fehlt es, das
Studium der Profangotik ermangelt fast völlig.
Der kirchlichen Gotik ist man emsigst nach-
gegangen, in ihren geheimsten Gedanken und
Werkstätten hat man sie belauscht, aber die
mächtigen Keime der profanen Kunst hat
man bisher kaum erkannt. Viele werden diese
Anpreisung der Gotik als recht rückständig,
durch die Vorliebe der jüngeren Kollegen für
romanische Kunst oder für die Bauten „um 1800"
als völlig überholt erachten. Ich möchte aber
gerade behaupten, daß das Gute und Schöne
beider so verschiedenen Bauweisen in den
Grundsätzen der profanen Gotik verkörpert
ist, daß das Interessante an der „Modernen"
profane Gotik ist und daß der Pfad zu neuen
Schöpfungen nur über die profane Gotik hin-
führen kann. Will die modere Kunst aus den
Zuständen der Alchemie und Astrologie heraus-
kommen, dann muß sie zur Profangotik in
die Schule gehen. Wie dies zu geschehen hat,
dürfte eine Abhandlung für sich ausfüllen.
Sonst kann man dem neuen Stil schon heute
das Horoskop stellen, daß sein Leben von
kurzer Dauer und ohne Nachkommenschaft
sein wird.

Grunewald bei Berlin. Max Hasak.
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