Zeitschrift für christliche Kunst — 21.1908

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1908.'

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 4.

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schnitte zu bestimmen, und ich habe deswegen
bei einer sehr großen Zahl von ihnen nicht
einmal eine Vermutung auszusprechen gewagt.
Bouchot hat weniger Bedenken und bezeichnet
abwechselnd Flandern, Burgund oder Frank-
reich als deren Ursprungsland; natürlich
schwebt seine Normierung völlig in der Luft.
Ich halte meine frühere Ansicht, daß der
Niederrhein von der Mündung bis nach Mainz
hinauf gewissermaßen das Rückgrat bildet, ein
Arm sich nach Frankreich, der andere durch
ganz Norddeutschland bis nach Danzig er-
streckt, durchaus aufrecht. Nur glaube ich
jetzt, daß die Metallschneidekunst auch in dem
heutigen Königreich Bayern, wenigstens in den
fränkischen Bezirken, heimisch gewesen ist.
Jedenfalls möchte ich noch darauf hinweisen,
daß nach älteren Nachrichten die vier schönsten
Metallschnitte des Pariser Kabinetts, Nr. 86,
94, 102 und 134, von dem Benediktiner Mau-
gerard in der Gegend von Mainz aufgefunden
worden sind, worüber uns Bouchot völlig im
unklaren läßt.

Auf seine Datierungen will ich nicht
näher eingehen, sondern nur wiederholen, daß
nach meinem Dafürhalten vielleicht ein oder
der andere Metallschnitt noch vor 1450 ent-
standen sein mag, die eigentliche Blütezeit
dieser Technik aber erst die zweite Hälfte
des XV. Jahrh. war. In dieser Beziehung ist
es nicht uninteressant, daß die Passionsfolge
Nr. 28, die nach Henri Delaborde und Dutuit
unbedingt schon im Jahre 1406 existiert haben
müßte, jetzt von Bouchot auf 1440 angesetzt
wird. Ich denke, daß man bei weiterer Unter-
suchung der von mir vermuteten Entstehungs-
zeit, 1460—1470, wohl noch näher kommen
wird (vgl. auch Lehrs im „Jahrb. d. Kgl. Preuß.
Kunstsammlungen" Bd. XVIII, 50). — Ferner
hat Bouchot übersehen, daß vier Blätter seiner
Folge Nr. 6 bei mir als Nr. 2235, 2349, 2397
und 2402 beschrieben und auch in der Schmidt-
Soldanschen Publikation auf Taf. 78 und 79
abgebildet sind. Er datiert sie „Flandres 1440",
gibt aber selbst an, daß sie in ein mit der
Jahreszahl 1463 versehenes Manuskript ein-
geklebt sind, was mit meiner Schätzung „1460
bis 1480" im Einklang steht.

M. Bouchot ist mir in seiner Abhandlung
nicht mit einem Worte zu nahe getreten, und
ich hoffe, sein Andenken ebenfalls in keiner
Weise verletzt zu haben. Seine Arbeit um-

faßt 260 Quartseiten, mir stehen nur wenige
Spalten zur Verfügung. Deshalb mußte ich
mich auf die Widerlegung seiner hauptsäch-
lichsten Ansichten beschränken, die völlig neue
Lehrsätze über die Anfänge des Bilddrucks
aufstellten und natürlich nicht nur für die Be-
stände des Pariser Kabinetts, sondern für das
gesamte uns erhaltene Material von größter
Tragweite gewesen wären. Außerdem wollte
ich nur an einzelnen Beispielen nachweisen,
daß auch für die zweite Hälfte des XV. Jahrh.
seine Schätzungen betreffs Ort und Zeit der
Entstehung der einzelnen Blätter in keiner
Weise als maßgebend betrachtetwerden können.
Habe ich deshalb vieles, das zu meinen
gunsten gesprochen hätte, unterdrücken müssen,
so habe ich andererseits auch keine Gelegen-
heit gehabt, diejenigen Stellen hervorzuheben,
durch welche die Angaben meines Manuel be-
richtigt oder ergänzt werden. Schon deshalb
sind wir M. Bouchot zu Dank verpflichtet,
weil jedes neue Faksimilewerk uns nicht nur
die Kenntnis der betreffenden Originale ver-
mittelt, sondern weil es uns auch Unterlagen
für weitere Vergleiche bietet. Es kommt, wie
ich schon andeutete, hinzu, daß infolge des
unpraktischen Systems, die Neuerwerbungen
der „Reserve" einzuverleiben, früher niemand
über den wirklichen Besitzstand des Pariser
Kabinetts sich zurecht zu finden vermochte.
Wir müssen auch M. Bouchot Dank wissen,
daß er so manches Blatt, daß man früher in
Paris als Erzeugnis des XV. Jahrh. betrachtete,
ausgeschieden und dem folgenden Jahrhundert
überwiesen hat. Warum er allerdings meine
Nr. 1032 (Michel Schorpp maier zu Ulm 1496)
ausgeschlossen und neben seiner Nr. 59 nicht
auch meine Nr. 1036 abgebildet hat, ist mir
unklar. Bouchots Stärke lag in seiner scharfen
Beobachtungsgabe, während man seine daran
geknüpften Folgerungen stets mit großer
Vorsicht prüfen muß. Glaubte er auf dem
richtigen Wege zu sein, so beachtete er
kein Hindernis und eilte blindlings seinem
Ziele zu. Deswegen kann man ihm auch
nicht den Vorwurf ersparen, daß er die
bereits einigermaßen geebneten Bahnen der
Forschung ohne genügenden Grund verlassen
und dafür neue über Stock und Stein einge-
schlagen hat, auf die ihm niemand zu folgen
gewillt ist.

Potsdam. W. L. Schreiber.
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