Zeitschrift für christliche Kunst — 21.1908

Page: 135-136
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1908 — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 5.

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als Symbol der vita contemplativa schon seit
dem XIII. Jahrh. den Vorzug erlangte vor
Spindel und Wollkorb, die unwillkürlich an
die im Mittelalter niedriger gewertete vita
activa gemahnten. Eine solche Modifikation
ist bei dem Prüler Bilde, daß die hl. Jung-
frau sich vor dem Boten Gottes erhoben hat.
Aus dem ursprünglich, wie zum Beispiel auf
dem Sarkophag beim Grabmal Dantes,4) oft
umfänglichen Korbe, ist hier eine Schale ge-
worden, welche die beiden Fadenkneuel birgt.
Auffallend ist die kleine Gestalt Mariens,
vermutlich ein absichtlicher Hinweis des
Malers auf ihr jugendliches Alter. Zwei kon-

Stifter des Gemäldes, eine kleine bärtige
Figur, die Hände betend erhoben. Leider
fehlt eine Inschrift, die eine genauere Datie-
rung des Werkes ermöglichen würde. In dem
Stifter darf wohl ein Abt des Klosters ver-
mutet werden und dann ein solcher aus der
zweiten Hälfte des XII. Jahrh., welcher Zeit
der Stilcharakter des Gemäldes entspricht.

Noch ist einer Eigentümlichkeit zu ge-
denken. An verschiedenen Stellen des Bildes,
so an der untersten Stufe des Thrones
Mariens, auf der Innenseite der kleineren
Blumenvase, an der Leiste unterhalb des
Tempelvelums, mehrfach rechts oben an den

Verkündigung zu Karthaus-Prül bei Regensburg.
(Nach einer photogr. Aufnahme des k. Baurats, Herrn F. Niedermayer in Regensburg.)

zentrische Kreise, innen und außen mit
Strahlen besetzt, umgeben das zum Engel ge-
neigte Haupt. Der Nimbus war außerdem
wie auch beim Engel ursprünglich mit einem
plastischen Schmucke besetzt.

An dem Engel ist kaum ein Zug, den der
Künstler nicht einer lange geübten Tradition
hätte entnehmen können. Das gilt selbst vom
flatternden Mantelende, das jene Zeit übrigens
nicht nur an bewegten Gestalten, sondern
auch an stehenden Figuren häufig ganz kon-
ventionell in dieser Weise bildete.

Links vom Engel in der Ecke des Bildes
kniet von einem Rundbogen umrahmt der

l) Abbildung bei Venturi-Schreiber, a.a.O.,
S. 154.

sich verjüngenden Geschossen des Tempels
usf. sind Buchstaben sichtbar (C oder G,
JR, V). Vielleicht waren durch sie die Farben
angedeutet, durch welche das vorgezeichnete
Bild ausgemalt werden sollte.

Der dominierende Ton des Bildes ist gelb,
weitere meist verwendete Farben sind grau
und rot. Das Unterkleid bei Maria und dem
Engel ist ein ins Braune gehendes Gelb, der
Mantel ist grau und hat bei Maria grünes
Futter. Die Flügel des Engels sind von links
nach rechts hellbraun, grau, rot, dunkelbraun.

Jedenfalls bedeutetdas Prüler Verkündigungs-
bild eine wertvolle Bereicherung der erhaltenen
Wandmalereien Süddeutschlands im XII. Jahrh.

Regensburg. Jos. A. Endres.
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