Bayerischer Kunstgewerbe-Verein   [Hrsg.]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 56.1905-1906

Seite: 157
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309. Fries, in farbigein Kalkmörtel gedacht (an den oben dargestellien
Teil schließen sich die unteren links und rechts unmittelbar an) von
tvilh. Nida-Rümelin, Essen a. d. Ruhr (t903).

Mk§ekm Ol-arOumelln.

er junge Bildhauer, dessen Werke
und vielseitigen Talente wir hier zu
schätzen unternehmen, gehört dem
jungen Aünstlergeschlecht an, das
in der angeregten Zeit der 90 er-
fahre des vorigen Jahrhunderts
infolge tiefer und nachhaltiger Anregungen und Ein-
flüsse bedeutender Bildhauer und Architekten im
Münchener Aunstleben erstand.

Bas Bedürfnis, schön zu bauen und das paus
und seine Räume mit Bildern und plastischen Werken
zu schmücken, war hier schon immer vorhanden, aber
nie vorher erwies es sich für Förderung und An-
näherung der beiden Schwesterkünste Architektur uud
Elastik fo günstig als gerade damals. Die in München
immer vorhandene künstlerische Tradition war einer
Regeneration des künstlerischen Empfindens günftg.
Nach uud nach beinächtigte man sich wieder der
ursprünglichen Ausdrucksmittel, wenn gleich vieles
unwiderbringlich verloren war und die neue Ärmst
sich erst langsam und allmählich an den Brücken
der Alten erhob. Ein Schaden ist heute noch nicht
ganz ausgeglichen, der Verlust jener künstlerischen
Handfertigkeit, die in alten Zeiten die breiten Schichten
des Handwerks durchdrungen und aus ihnen heraus
Run st und Ärmste mit organischer Notwendigkeit
und tropischem Reichtum gezeugt hat.

Wir stehen noch immer staunend und bewun-
dernd vor den Werken jener volkstümlichen Run st,
die allem und jedem Stück den Stempel einer aus-
gereiften künstlerischen Aultur aufprägte. Zener
Zusammenhang zwischen den einzelnen Aunstgebieten
uud Kunstgattungen, noch mehr jener Konnex, der
früher zwischen Aünstler und Publikum bestand, ist
heute trotz allen Anstrengungen angewandter volks-
tümlicher Kunst nicht wieder hergestellt, früher war
der Aünstler, wie Goethe sagt, ein Teil des Publikums:
„auch er ist in den gleichen Zähren und Tagen ge-

bildet, auch er fühlt die gleichen Bedürfnisse, er
drängt sich in der gleichen Richtung, und so bewegt
er sich glücklich mit der Menge fort, die ihn trägt
und die er belebt."

Wenn nicht alle Anzeichen trügen, gehen wir
vielleicht wieder ähnlichen Zeiten entgegen. Gegen-
wärtig, wo Architektur und Plastik Zusammenarbeiten,
sich gegenseitig ergänzen und stützen, da ist auch für
die Plastik Gelegenheit, sich auf Straßen, Plätzen,
im Pause, im Garten, an den Orten der Andacht
uud des Todes, immer mehr auszubreiten.

Wie in früheren Zeiten sieht man bei öffent-
lichen Bauten, auf hohen Gerüsten Meister und
Gesellen tätig, aus dem Steine oder aus dem Mörtel
die mannigfaltigsten Gebilde hervorzubringen. Der
von Thierfch erbaute und von Ernst Pfeifer und an-
deren mit Bildwerken geschmückte Zustizpalast, das von
Seidl erbaute Nationalmufeum mit seinem überaus
reichen Schmuck au der Fassade und in den Znnen-
räumen, die Schulhäuser und andere öffentliche Bauten
lassen die Früchte jener künstlerischen Tätigkeit erkennen.

Unter den jungen Talenten, die in jener ange-
regten Zeit im Dienste der Aünstler tätig waren, befand
sich auch der, mit dem wir uns heute näher beschäf-
tigen wollen. Nida-Rünrelin, seit (895 im Atelier

3\o. (Mathäserbrauerei in München), Kaminfries, modelliert
und in Kalkstein ausgeführt von Mich. Nida-Rümelin,
Lffen Ü899)-

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riunst und Handwerk, 56. Iahrg. Heft 6

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