Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 56.1905-1906

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Moderne Kunststickerei.

gerechtfertigt werden kann. Mo es aber auf wahr-
haft gebrauchslebendige Möbelkunst abgesehen ist,
wo es gilt, unseren herbschlicht gewollten Möbel-
formen das Gepräge und den Ddem eines lebendig
gegliederten Organismus einzuschaffen, um dadurch
diese unsere im Grunde doch regungslose nächste
Mitwelt auch bis zu einem, wenn auch nur beschei-
denen Grade unserem menschlichen Raum- und Be-
wegungsempsinden innerlich näher zu rücken, überall
da hat man zweifelsohne in der frisch erblühenden
Holzeinlegekunst ein starkes und fruchtbares Gliede-
rungsmotiv zu erkennen, dessen eine zielbewußte
moderne Möbelkunst für die Lebendigkeitswirkung
ihrer Erzeugnisse nicht entraten kann.

Franz Heinz Sammler,
Berlin-Zehlendorf (Wannseebahn).

siüoderne (Kunststickerei.

(Von Irene Kraun.

on künstlerischer Seite wird den
Frauen so oft geraten: „Erfindet
und zeichnet doch selbst, was ihr
sticken wollt!" und viele folgen
dem Ruf. Einzelne mit dem ur-
sprünglich sichern Gefühl für
Form und Farbe, das hie und da als Naturgabe
austaucht und nicht vieler Unterweisung bedarf, um
Schönes und Echtes zu schaffen. Für die aller-
meisten ist aber der Meg erheblich weiter als die
freundlichen Ratgeber annehmen — der Meg von
den ersten anempfundenen und mißverständlichen
Versuchen bis zu einem sinngemäßen, zeichnerisch
und technisch brauchbaren Stickereientwurs.

Die neueste Richtung in unserem Schulzeichen-
unterricht strebt danach, schon früh die dekorativen
Fähigkeiten, besonders bei den Mädchen, zu ent-
wickeln; die Versuche, welche Vr. Georg Kersch en-
steiner in: vorigen dieser Hinsicht ange-

stellt hat, ergaben in Volksschulklassen bei \2—(^jäh-
rigen Mädchen schon überraschende Resultate, welche
auf neue Möglichkeiten und Mege Hinweisen.

Es wurde bisher (und wird leider immer noch)
vielfach in Schulklassen entworfen — die Rinder er-
hielten z. B. eine Marguerite, mit der sie etwas
„komponieren" sollten; der Unterricht ging von der
komplizierten Naturform mit Verkürzungen und
Überschneidungen aus, und die Resultate waren da-
nach. Zetzt beginnt das Komponieren mit den
allereinfachsten Elementen, die der Pinsel sozusagen
von selbst hergibt, — ein breiter Kommastrich als

285. Uhr; Entwurf von Thea W i tt in a n n, Modell von
Ludwig Dafio, München.

Blatt, ein Punkt als Beere, ein kurzer Stiel, und
beim Reihen und Zusammensetzen dieser Formen
entwickelt sich der Sinn für Rhythmus und Raum-
verteilung zugleich mit der Sicherheit der Hand. Ein
nebenher fortschreitendes Naturstudium mit gedächt-
nismäßiger Beherrschung des Stoffes liefert allmäh-
lich ein reicheres Material, und wo eine eigene
bildende Kraft im Schüler vorhanden ist, wird sie
sich bald zeigen. Mir müssen erwarten, ob bei der
so erzogenen kommenden Generation der künstlerische
Geschmack sich in weiteren Kreisen verbreiten wird
als bisher, — ob künftig weniger Verirrungen ge-
zeichnet und gestickt werden als — leider immer
noch •— heutzutage.

Mir haben ja wieder eine selbständige Kunst
der Stickerei, eine echte Flächenkunst, sie dringt mehr
und mehr durch, und eine Rundschau in ihren Reichen
bietet immer viel Mertvolles und Neues.

Die Dekoration ist im allgemeinen sparsamer
geworden in: Lauf der letzten Zahre. Die Zeit der
stilisierten Bluinen ist im Schwinden. Nicht als ob
es jetzt verboten wäre, den Reiz einer Blume wieder-
zugeben, wo uns dies aus irgend einem Grunde
taugt; aber in: allgemeinen, wenn wir irgendwelche
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