Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 56.1905-1906

Page: 281
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609- Hauptindustriegebäude; entworfen von Theodor v. Kramer, Nürnberg.

(Das (Uunsizeiveröe auf der
(Nürnberger (Aueftekkung. '>

ürnberg und Kunstgewerbe. Wem
tritt da nicht, hört er diese beiden
Worte in ein ein Atem genannt,
die ganze große künstlerische Ver-
gangenheit der ehrwürdigen Staöt
vor die Seele ? Wer verbindet damit
nicht den Begriff kraftvollen ur-
deutschen Bürgertums, das sich stolz, unabhängig,
ohne die Bonne kirchlicher oder weltlicher Herrscher
entwickelt und einer künstlerischen Blüte den Boden
bereitet hat, wie sie dem jetzt lebenden Geschlecht
als unerreichbares Zdeal vor Augen schwebt? Welche
deutsche Stadt konnte in ihrer Blütezeit eine solche
stattliche Reihe bedeutender, noch heute als Sterne
erster Größe leuchtende Künstler zu ihren Bürgern
zählen wie die freie Reichsstadt an der Pegnitz im
s6. Jahrhundert? Pier, im geographischen Uuttel-
punkt des deutschen Sprachgebietes* 2), erfuhr der

H Der offizielle Titel lautet: „Bayerische Iubiläums-
Laudes-Iudustrie-, Gewerbe- uud Kunstausstellung, Nürnberg
t906."

2) Dgl. den Dortrag von Prof. Dr. Siegln. Günth er
(Heft z, S. 90): Die Beziehungen zwischen Kunst und exakter
tDissenschaft im alten Nürnberg.

deutsche Volksgeist durch Dürer seine charaktervollste
künstlerische Ausprägung; hier stand man höfischer
und kirchlicher Bevormundung selbständig gegenüber
und wußte fich diese Freiheit als erste Voraussetzung
gedeihlichen Kunstschaffens und Kunstfortschrittes zu
wahren. Sine weitere Voraussetzung heinrischer
Kunstpflege war die Wohlhabenheit, die von den
Einkünften soviel über des Lebens Notdurft hinaus
zu erübrigen gestattete, daß ein ansehnlicher Bruch-
teil davon der Kunst zugewandt werden konnte.
Jetzt, nach Jahrhunderten, zeugen zwar noch trutzige
Mauern und Turme von der Wehrhaftigkeit seiner
freiheitsfrohen und freiheitswerten Bürger, und die
Wohlhabenheit des Gemeinwesens ist vielleicht größer
als je; aber unter dem Einfluß der wirtschaft-
lichen und technischen Entwickelung sind ge-
waltige Wandlungen auf dem Gebiet gewerblichen
Schaffens vor sich gegangen. Wurden dessen Ziele
früher in hohem Maße von der Kunst bestimmt,
so bezeichnet heute der Erwerb Zweck und Ziel
des Schaffens.

Da der Ausstellungsort stets die weit über-
wiegende Mehrzahl der Aussteller bringt, so gibt er
auch der ganzen Veranstaltung sein Gepräge, und
darum kann das Kunstgewerbe auch aus dieser Aus-
stellung in dem einstmals in Kunstdingen maß-
gebenden Nürnberg nur eine dem Umfange nach

Kim ft und Handwerk. 56. Iahrg. Heft JO.

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